Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1856)
- Article
- Rundschreiben des Herrn Oberrabbiners und Präsidenten des Consistoriums zu Colmar
- Date
- 1856-12-01
- Page
- 142 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Die durch die pariser Conferenz angeregte Bewegung. In der That, wir können uns nicht mit der Hoffnung schmeicheln, daß durch die Unterdrückung einiger Piutim, ja selbst aller Piutim, man die Andacht in die Herzen und die Ordnung in die Syn«gogen zurückznführen vermöchte; der allsabbathliche Gottesdienst und der am מנרוה לשו״יט, welche so wenig Zeit in Anspruch nehmen, zeigen, welch eine' Chimäre eine solche Hoffnung wäre. Uebrigens hat die Erfahrung gezeigt, daß dieses Mittel, wie so viele andere, deren Wirksamkeit man seit einiger Zeit so pomphaft verkündet, nicht nur der Erwartung nicht entsprochen, sondern das Heilmittel war noch ärger als das Nebel. Weit entfernt, die Gleichgültigen wieder zum Gotteshaus zu führen und zu erbauen, haben sie nur den Glauben in den noch treuen Gemüthern erschüttert und der Religion unserer Väter wahrhaft ergebene Männer daraus entfernt. Das einzige und wahre Mittel, die einzige und wahre Heilung für das Uebel, an welchem die Synagoge leidet, ist nicht in äußern Mitteln zu suchen; unmittelbar aufs Herz muß man einwirken; das religiöse Gefühl muß man zu beleben und zu befestigen suchen. Zu diesem Ende müßte man die Grundsätze der Religion in alle Poren des jüdischen Wesens verbreiten, man müßte sie das Haus, die Schule, die Tempel durchdringen lassen; man müßte einen gründlichen und inhaltsvollen religiösen Unterricht verbreiten und populär machen; einen Unterricht, der sich nicht auf die Entwickelung einiger Wahrheiten der Moral beschränkt, die das Judenthum mit andern Glauben und gewissen philosophischen Systemen gemein hat, sondern der sich auch aiff die besonderen Prinzipien des Judenthums erstreckt; einen Unterricht, der nicht in den Umfang einiger spekulativen Wahrheiten der Religion begränzt ist, sondern der auch die Thätigkeiten des jüdischen Lebens zum Gegenstand hat; es müßte dann auch ferner dieser Unterricht durch das Beispiel aller derer getragen werden, die mit der Erziehung, und dem Unterricht betraut sind, aller derer, die religiöse Funktionen zu erfüllen haben; dann würde die Jugend, durch einen solchen Unterricht genährt, gestärkt durch die religiösen Grundsätze, durch das Beispiel derjenigen, die sie zu lieben und zu achten gewöhnt ist, die Nothwendigkeit und Wichtigkeit des Gebets begreifen; sie würde dann mit Andacht und reiner Sammlung beten und es nicht mehr an der Achtung fehlen kaffen, die der Heiligkeit des Gotteshauses gebührt.