Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1856)
- Article
- Rundschreiben des Herrn Oberrabbiners und Präsidenten des Consistoriums zu Colmar
- Date
- 1856-12-01
- Page
- 140 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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40ן Die durch bte pariser Conferenzen angeregte Bewegung. gleichsam vertrieben ist; wo das Privatleben sich ihrem heilsamen Einflüsse entzieht; wo Jeder, wenn er sie nur nicht völlig verabschiedet, sich berechtigt glaubt sie sich seinem Vortheil, seinen Launen, seinen Leidenschaften fügen zu lassen; wo sie bei Vielen nur noch ein schwaches, schwankes Gefühl, ein leeres Andenken der Kindheit, eine leichte Erinnerung aus dem väterlichen Hause geblieben; sollte sie da nicht wenigstens in ihrem Heiligthum eine Zufluchtsstätte sinden, wo sie sich frei entwickeln und ihre ernste Einfachheit, ihre alten und verehrten Formen, ihre überlieferten Cercmonien entfalten könne? Einer von Jenen, welche schon feit langer Zeit dem Judenthum entfremdet gewesen, geht vielleicht eines Tages an dem Gotteshause vorüber, fühlt vielleicht, und wäre es bloße Neugier, das Verlangen hinein zu gehen. Steht er nun, daß, wenn auch Alles um ihn sich verändert hat, die Religion immer dieselbe geblieben, manche fromme Gefühle, die er vielleicht für immer erloschen geglaubt, könnten nun in seinem Herzen erwachen und ihn zu ernsten Nachgedanken führen; sie könnten die Erinnerung der glücklichen Jahre seiner Kindheit Hervorrufen, die Zeit seiner Unschuld, seiner Reinheit, wo die Geschäfte, das Interesse, die Leidenschaften ihn noch nicht in ihren vcrderblichen Schlingen gehalten, wo die Gleichgültigkeit noch nicht sein Herz unempfindlich gemacht; die Zeit, in welcher er ein unaussprechliches Glück, eine heilige, himmlische Freude empfand, wenn er sich in das Haus des Herrn in Mitte der andern Andächtigen begab; sie könnten in ihm vielleicht das Andenken der Frömmigkeit, der Andacht eines theuren Vaters, einer zärtlichen Mutter, eines geliebten und verehrten Großvaters erneuen; alle diese Erinnerungen, sind sie nicht geeignet, einen tiefen, lebhaften, heilsamen Eindruck auf ent Herz zu machen, in dem noch ein Funke jener heiligen Glaubensflamme glüht, und das religiöse Gefühl wieder wach zu rufen? Wenn er hingegen das Gotteshaus betritt und nun, anstatt die Gebete und die Einfachheit von ehemals wieder zu finden, er es von einem fremden Pomp, von fremden Ceremonien und von einem Instrument erfüllt findet, das er nur in seinem Kultus fremden Tempeln gesehen, — welchen Eindruck könnte dieser Anblick auf ihn machen? Nichts würde ihn an die Vergangenheit erinnern, und müßte er nicht selbst an der Zukunft eines Kultus verzweifeln, der, um sich zu erhaltendes für nöthig achten würde,