Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1856)
- Article
- Kislew
- Date
- 1856-12-01
- Page
- 117 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Hellenismus und das Judenthum. 117 die dem eigenen Ich nahe stehenden Personen mit der gleichgültigsten Rücksichtslosigkeit, ja oft mit herzloser Grausamkeit sich zu gatten weiß, die bet der tief unter ihr stehenden ״ungebildeten Masse" oft nicht einmal die natürlichsten Gefühle der Ehre und Zärtlichkeit und die natürlichsten Empfindungen für Kränkungen und Schmerzen vorausseHen zu müssen glaubt. Und wie die auf ihre Freiheiten und Rechte so eifersüchtige attische Bildung sich gar wohl mit sklavischer Knechtung von 3/4 ihrer Mitbewohner des attischen Bodens vertrug (Attika, der feinste Staat hellenischer Bildung zahlte 130,000 Freie gegen 400,000 Sklaven!), also lehrt uns die Geschichte, daß überall gar leicht der Kreis der Gebildeten selbst mit Zuständen offenbarer Tyrannei und Gewalt von Oben sich abfindet, so dieser Druck nur vorzugsweise aus den unter ihm stehenden ungebildeten Schichten lastet, die Vor-Rechte der ״Gebildeten" aber mit kluger Mäßigung unangetastet schont. — So vermag japhetische Bildung wohl Ideen von Wahrheit und Recht, von Sittlichkeit und Liebe zu schöpfen und zu verbreiten, allein sic an sich und für sich allein vermag weder die Erkenntniß des Wahren und Rechten und Sittlichen zu gewähren und zu sichern, noch viel weniger vermag sie die wirkliche Erleuchtung der Geister, die hingcbende Durchsittlichung des Lebens und Rechtsdurchdringung dee Gesellschaft zu schaffen, am allerwenigsten aber ein Einzel- Familien- und Gesammtheitsleben aufzubauen, das, von Wahrheit durchleuchtet, von Reinheit gehoben, von Gerechtigkeit geleitet und von Liebe vollendet, das irdische Dasein mit allen seinen empfindenden, fühlenden, denkenden, redenden, genießenden, handelnden Momenten zu einem harmonischen Einklang abrundend verklärt, der erst den irdischen Verhältnissen jene ewige Heiterkeit und Schöne in Wahrheit zu verleihen vermag, von welchen der japhetische Geist wohl eine Ahnung in den Gemüthern der Sterblichen zu wecken, nimmer aber eine wahrhafte Befriedigung zu bringen weiß, und unter dessen Zauber allein die zwischen Wahrheit und Täuschung, zwischen Reinheit und Entartung, zwischen Recht und Gewalt, zwischen Liebe und Selbstgefühl im ewigen Taumel schwankende Gesellschaft ihr endliches Heil und ihren endlichen Frieden zu finden vermag. Dies Wunder ist allein dem ״Gotte Sems" Vorbehalten,