Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1856)
- Article
- Kislew
- Date
- 1856-12-01
- Page
- 116 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Kislew. der Freude an sich selbst, der Befriedigung an der gehobenen Gestaltung der eigenen Persönlichkeit kennt, und des im Bewußtsein des veredelten Daseins zu findenden Genusses, so bleibt gar bald dieses Streben bei einer oberflächlichen Uebertünchnng und Glättnng der rauhen Außenseiten der Persönlichkeit und der Lebensweise stehen, unter dem glatten Mantel einer polirten Bildung birgt sich sybaritischer Lebensgenuß und die gemeinste sinnliche Thierheit, und selbst edlere Naturen, — weil ihnen eine Lebensweisheit nicht offenbar worden, die ihre Jünger lehrt, das ganze Leben in allen seinen kleinsten Fugen und Beziehungen nach dem Muster emes höher» Gedankens wahrhaft, wesenhast harmonisch zu gestalten, — müssen sich begnügen, einzelnen Momenten, gleichsam den Feierstunden des Lebens, worin, wie man so schmerzlich schön es bezeichnet, der Mensch aus sich selber hinanstritt nnd die gemeine Wirklichkeit vergisst, einzelne Blüthen einer harmonischen Schönheit, ja oft nur künstliche Blumen einer täuschenden Phantasie einzupflanzen, während der ganze übrige Fond der Persönlichkeit und die ganze übrige Masse der Wirklichkett dem ganzen Jammer und Elend einer in Widerspruch und Ueberdruß sich abwickelnden Erbärmlichkeit eines inhalt- und bedeutungslosen Daseins verfallen bleibt. Hellenische Bildung bringt den Menschen zum Bewußtsein seines höheren Werthes, seines unverlierbaren Rechtes und Adels, seines unveräußerlichen Anspruchs auf Anerkennung von Ebenbürtigkeit und Gleichheit. Hellenische Bildung ist eine Pflegemutter des Rechts und der Freiheit. Indem sie aber den Blick zunächst aus die eigene Persönlichkeit richtet, nnd diesen Werth erst in dem Besitz der angestrebten und erlangten Bildung findet, ihr aber der ganze Gedankenkreis fremd ist, der jedem Menschen den Stempel des ebenbürtigsten Adels und den Anspruch auf Recht und auf Liebe verleiht, weiß diese Bildung meist nur von dem Recht, das man zu fordern, der Freiheit, die man stch zu sichern, nicht aber auch von dem Recht das man zu achten, und der Freiheit, die man zu gewähren habe, oder sie weiß von diesem Recht oft nur im Kreise der Gebildeten, ist mehr als irgend Anderes jenem Hochmuthe zugänglich, der den Begriff Mensch nur erst auf einer gewissen Stufe der Bildung beginnen läßt, bei welchem daher oft die delikateste Empfindsamkeit in Bezug auf das eigene Ich und