Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1856)
- Article
- Kislew
- Date
- 1856-12-01
- Page
- 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2932835-2932839-2940504--02130-2940540- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Hellenismus und das Judenthum. 115 die dem Menschen den Glauben an sich, an die Berechtigung und Reinheit seines irdischen Daseins, an die nnvcrlierbare Hoheit und Würde des Menschlichen in allen Menschen rauben und ihm die Freude an allem Geistigen, Heitern und Schönen mit dem Trauersior des Vorwurfs und der Sünde zu umdüstern und ihn zum gedanken- und willenlosen Werkzeug und Lehrling socialer und dogmattscher Anmaßung herabzusttmmen den Vorsatz hat. Und doch enthält die hellenische Bildung nur ein einziges Bruchtheil der Wahrheit, die einst die Erlösung der Menschheit vollbringen wird, ist doch nur erst eine geringe Vorbereitung für jenes Heil, das einst durch Sem's ״Hütten, in welchen Gott wohnt", auf Erden erblühen soll, und verfällt, dennoch, so lange sie nicht mit diesem semitischen Geist sich vermählt, so lange sie schon an sich das Höchste und Einzige zu sein wähnt, auch ihrerseits dem Jrrthum und dem Wahne, der Entartung und Knechtung anheim. Die hellenische Bildung weckt nur den Geist, giebt den Durst nur nach Erkenntniß und Wahrheit, aber sie vermag nicht aus sich die Erkenntniß zu sichern und die Wahrheit zu erzeugen. In Ahnungen und Vermuthungen ergeht sich der Sinn, setzt Phantasiegebilde und hypothetische Annahmen zur Lösung der Räthsel, die die Welt um ihn und in ihm ihm bietet und nach deren Lösung die ahnende Menschenbrust sehnsüchtig verlangt, und so lange er den Menschengeist, der als Vernunft nur die Wahrheit zu ״vernehmen" geschaffen ist, zugleich als den alleinigen Schöpfer, Offenbarer und Geber der Wahrheit erkennt und mit seinem nach Wahrheit ringenden Verlangen sich nur an die eigene, aller Irrung und Täuschung zugänglichen Brust überwiesen sieht, so lange ergeht sich die tränmende Weisheit des hellenischen Geistes in solchen von Extrem zu Extrem in ewig wiederkehrenden Schwankungen schaukelnden Ergebniffen, wie uns in der Geschichte des seit nah an drttthalbtansend Jahren in hellenischem Geiste ״Weisheit suchenden" Menschcngedankens darliegen. Die hellenische Bildung weiß das Bedürfniß nach einer Beredlung der Persönlichkeit und des Lebens zu wecken; aber sie hat kein anderes Maß für diese Veredlung, als das der sinnlichen Schönheit abgelauschte Ebenmaß der Harmonie und Schönheit. Indem aber dieses Streben nach Selbstveredlung nur das Motiv