Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 2 (November 1856)
- Article
- Der Ghetto und die Juden in Rom
- Date
- 1856-11-01
- Page
- 98 (sequence 11)
- Language
- German
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98 Der Ghetto und die Juden in Rom. Tempel, wenn der römische Kaiser den Thron bestieg, und brachten Gebete für ihn dar; so sagt schon Philo in seiner ״Gesandtschaft an den Casus", daß die Juden zu dreien malen für den Kaiser Caligula Opfer vollzogen hätten, das erbe mal, als er den Thron bestieg, darauf, als er in die gefährliche Krankheit verfiel, das dritte mal für seinen Sieg gegen Deutschland. Dafi auch die Inden in Rom das Gleiche thaten, ist natürlich, und schwerlich haben fie bet Huldigungsfeierlichkciten gefehlt, um vor dem Kaiser als Schutzflehende zn erscheinen und solche Duldung zu erbitten, wie sie ihnen von Augustus gewährt worden war. Als nun an die Stelle der Kaiser die Päbste getreten waren, wechselten nur die Formen, nicht das Wesen der Ceremonien. Bei jeder Huldigung eines Pabstes erschienen die Abgesandten der rvmischen Judenschaft mit dem Pentateuch auf der Schulter, an dem Wege, wo der päpstliche Triumphzug vorüber kam. Man betrachtete fie nach dem Ausspruch des heiligen Hteronpms gleichsam als die Bibliothekare der christliche» Religion, weil fie das alte Testament oder vielmehr das Gesetz in ihrer Bundeslade verwahrt gehalten hatten; und indem fie nun dem neu erwählten Pabst mit dehmüthtger Huldigung als Schutzflehende nahten, thaten fie diesh wie man sagt, theils weil ihre Väter in solcher Gestalt vor den Kaisern erschienen waren, theils weil sie, auf einen Messias und Befreier aus der Gefangenschaft hoffend, den jedesmaligen Pabst darauf hin betrachteten, ob nicht er es sei, der fie von ihrem Joch befreien würde.(?) Calixt II. war der erste Pabst, der im Jahre 1119 von den Juden eine solche Huldigungsceremonte empfing, und seitdem haben wir von jeder Huldigungsseierltchkeit der Päbste Nachricht. Allen brachten sie den Pentateuch auf der Schulter entgegen, so Eugen III., wie Alexander III. und Gregor IX., und sangen Lieder zu ihrem Lobe. Cancellteri in seinem Werke ״Storia de possessi“ (Geschichte der Besitznahme der Päbste) gibt darüber die besten Aufschlüsse aus den Tagebüchern der päbstltchen Ccremonienmeister. Der Ort, an welchem die Juden sich aufstellten, wechselte. In der Zeit des älteren Mittelalters war es die Region Parione, einer der ältesten und wichtigsten Stadttheile Roms, diessett der Hadriantschen Brücke gelegen, wo die Judenschaft den nach dem Lateran ziehenden Pabst erwartete. So erzählt schon das alte lateinische Ge-