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Jeschurun · 1856-11-01 · Heft 2 (November 1856) · p. 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1856-1857)
Issue
Heft 2 (November 1856)
Article
Der Ghetto und die Juden in Rom
Date
1856-11-01
Page
96 (sequence 9)
Language
German
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96 Der Ghetto und die Juden tu Rom. mer hatten sie jährlich 1130 Gulden zu zahlen, außer anderen verschtedenen Gefällen und Beisteuern zu den Carnevalslustbarkeiten. Für diese carnevalischen Spiele der Römer auf der Piazza Navona, am Hügel Testaccio und auf dem Corso hatte sich nach und nach die Sitte festgestellt, die Juden zur Volksbelustigung zu misbrauchen. Nicht allein mußten sie sich der Entehrung uuterwerfen, einen Trupp ihrer Aeltesten, in Jacken und Wämmser gekleidet, der Eavalcade der Senatoren voranschreiten zu lassen, wenn diese den Corsozug eröffneten, sondern sic mußten selbst zur Schau reuneu. Paul II. Pietro Barbo, ein Vcnettaner, war cs, welcher im festlich begangenen Friedeusjahre 1468 den Römern zuerst die Corso- Rennschauspiele zum Besten gab und auch die Juden öffentlich rennen ließ. Noch heute ist es Festsitte in den Städten Italiens, um die sogenannten Pallii zu rennen, das heißt um den Preis von Teppiche» und. schönen Seidenstoffen, welche der Sieger davonträgt. Als Paul dieses Fest gab, liefen au jedem der acht Carnevalstage um die Pallien Pferde, Esel und Büffel, Greise, Jünglinge, Kinder und Juden. Man gab den Juden, wie man auch später zu thun pflegte, reichlich zu essen, um ihnen selbst den Laus beschwerlicher, dem Volke aber ergötzlicher zu machen. Sie liefen vom Arco Domtztairo bis zu Kirche des heiligen Marcus am Ende des Corso tu voller Furie und unter dem Hetzgeschrei rmd dem Jubelgelächter Roms, während der heilige Vater auf dem reich verzierten Balcone stand und herzlich lachte. Zwar möchte es scheinen, daß die allgemeine Theilnahme müdem Wettrennen, welchem sich auch Römer, Greise, Jünglinge und Kinder unterzogen, den Character der Entehrung entfernt habe; doch muß man wohl bedenken, daß dasselbe Vergnügen, welches Römern eine willige Lust war und als ein olympisches Spiel angesehen wurde, für die Juden ein niedriger Schimpf sein mußte, weil sie laufen mußten aus Zwang und um des Volksspottes willen. Wer nun je einem Corsorennen in Rom betgewohnt hat, wo jetzt der Laus der Pferde an die Stelle des ehemaligen Judenlauses getreten ist, und wer es angeschaut hat, wie das auf dem Corso gezogene, endlos scheinende Volksspnlier in einer fast furiösen Aufregung, mit Geschrei und grellem Gepfeife die hinwegstürzenden Thiere vorüberheht, der mag sich leicht vorstellen, wie in jenen barbarischen Zeiten des Mittelalters die durch den Corso gehetzten Lebräer mehr als Spteßruthen lausen mußten.

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