Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 12 (September 1856)
- Article
- Der Ghetto und die Juden in Rom
- Date
- 1856-09-01
- Page
- 668 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2932754-2932821-2932834-2940182--01906-2940256- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
668 Der Ghetto und die Juden in Rom. hält seine sittliche Würde im Elend, den Philosophen die Philosophie, den Christen das Christenthum, welches den Himmel mit Märtyrern bevölkert und das Kreuz in das Paradies der Seligen gestellt hat. Nichts gibt Gott den Juden jenseits des Grabes*), und sie haben keine Heiligen. Sie wollen aus der Erde leben, und um das zu können, arbeiten sie im Schmutz, mit rastloser Aemsigkett kümmerliche und elende Geschäfte treibend. Wo man nun auch diese Kraft im Dulden Herletten mag, sie ist eine Thatsache, und es scheint die Natur selbst die traurigste aller Menschensecten mit den heftigsten Lebenstrieben versorgt zu haben. Vielleicht möchte jede andere Nation unter ähnlichen Verhältnissen in Nom aus gestorben sein, unfähig, eine grenzenlose Verachtung der Welt zu ertragen; aber die Juden waren dessen fähig, sie behaupteten sich, seltsam genug, durch alle Jahrhnndertt im Mittelpunkt der katholischen Christenheit selbst und unter den eigenen Fußsohlen des heiligen Vaters. Ausgeschieden von dem bürgerlichen und staatlichen Verband der Menschen, blieben sie mit ihnen unvermischt, und noch ihre spätesten Enkel stehen unter den Christen der Stadt so fremd da wie ihre frühesten Väter, und ohne Zweifel sind sie den Römern um nichts näher gerückt, als sie es zur Zeit des Pompejus wareu. Denn damals und unter den Kaisern galten sie, obwohl schon verachtet, doch als eine orientalische Sekte neben andern Sekten Syriens, Aegyptens und Persiens und standen deshalb nicht als eine so völlig vereinzelte Erscheinung da, wie sic es heute sind, wo sie noch in derselben Weise und zu demselben Gotte und in derselben Sprache beten, wie zu Pompejus Zeit, und wo sie aus dem unzählbaren Gewirr von Religtonssekten des alten Rom die einzige sind, welche sich lebendig und unverändert erhalten hat. Eine Geschichte der Juden Rom's, welche nun hier in Kürze gegeben werden soll, ist, soweit sie die ersten Zeiten betrifft, schwie- *) SDie Unwahrheit dieses Satzes kennt jeder Judenknabe. Hätte aber Gott dem Juden um: eine Seligkeit jenseits des Grabes gegeben, er wäre im diesseitige:! Elend längst verkommen. Allein Gott gab dem Inden ein Gesetz, dessen Erfnllung schon das diesseitige Leben mit einem Geiste der Freudigkeit uub Seligkeit durch dringt, ben aller Jammer' und alles Elend des äußeren Geschicks nicht zu ertödten vermögen, und eben weil die nichtjüdischen Geister dieses jüdische Gesetz aus dem Leben nicht kennen, bleibt ihnen der Jude das ewige Räthsel. D. Red.