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Jeschurun · 1856-09-01 · Heft 12 (September 1856) · p. 667

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1855-1856)
Issue
Heft 12 (September 1856)
Article
Der Ghetto und die Juden in Rom
Date
1856-09-01
Page
667 (sequence 4)
Language
German
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Von F. Gregorovius. 667 l8V0 Jahre lang behauptet hat, so erregt seine Widerstandskraft Erstaunen, und es möchte fast räthselhaft erscheinen, daß eine so mtshandelte Menschensecte, wenn auch erneut und erkrästigt durch frischen Zuwachs, so doch meistens aus einem und demselben Familiengeschlecht und in einem und demselben engen Straßenwinkel und in einer und derselben verpesteten Luft stch von Glied zu Glied fortzeugend, als ein individuelles Ganze und als ein lebendiger Organismus stch hat erhalten können. Denn seit dem Pompejus dem Großen wohnten die Juden in Rom. Von den ersten römischen Kaisern mehrmals aus der Stadt gejagt, kehrten ste immer wieder, und seit Titus behielten sie dann bis auf den heutigen Tag ihre Wohnplätze in der Stadt und nisteten hier auf der gefährlichsten Stelle der Welt, weil unter den Äugen ihrer Feinde, der Römer) welche Jerusalem zerstört hatten, und darauf der Päbste, der Stellvertreter des von den Juden Gekreuzigten. Von Pompejus' Zeit an trugen sie Schimpf, Verachtung und Ehrlosigkeit, und endlich als unreine Parias, wie wir sehen werden, zu einem Ghetto organisirt, klammerten sie sich in einem Winkel krampf- Haft aneinander und dauerten, nicht mehr, wie z»r Zeit des Claudius, den Thieren, aber nun dem mishandelnden Christenvorurtheil vorgeworfen, allen Wechsel der Jahrhunderte und das furchtbare Einerlei ihres Zustandes aus — ein dunkler Anblick und ein schmutziges Blatt in der Geschichte der christlichen Menschheit. Sie l-ebten hoffnungslos und doch nicht ohne Hoffnung, wie dies der Charakter Israels ist, welchem die Propheten den Messias verheißen haben. Unfähig in eineni angretfenden Kampfe ihren Feinden etwas abzukämpsen, verschanzten sie sich hinter die mächtigste und traurigste Wehr des Elends, die Gewohnheit, und hinter die jüdische Zähigkeit des Familiengeistes. Die Kraft im Dulden, so sklavisch die Juden, fast mehr als andere Sklaven, auch durch Sklaverei geworden sind, ist so merkwürdig, daß ich gestehe, wie ich sie mir nicht erklären kann.*) Denn den Menschen von Charakter er- *) Weil der Verf. wohl die äußeren Zustände des ״Judenvolkes" treffend zu schildern verstand, ihnr aber das Innere des Mischen Lebens verborgen geblieben. Er hätte sonst in diesen Sklaven die streiften ״Männer" auf Erden erkannt, und er hätte auch den Talisman gefunden, der dem Juden Charakter und sittliche Würde im Elend erhalten und ihn mit immer frischem Muth 1utb lebensvoller Freudigkeit gerüstet. D. Ned.

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