Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 11 (August 1856)
- Article
- Jüdische dramatische Dichter in Spanien
- Date
- 1856-08-01
- Page
- 597 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2932821-2932833-2940061--01793-2940133- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Von Dr. M. Kayserling. 597 Sobald dieser Vielgeprüfte, von sonderbarem Schicksal Heimgesuchte endlich einen Ruhepunkt gesunden hatte, war er daraus bedacht, sür die Trübsale, welche ihn hier aus Erden verfolgten, 'sich ein heiteres Jenseits zu bereiten und sich mit aller Kraft an das Gesetz zu klammern, in dessen Befolgung allein er die Seligkeit zu finden hoffte. In Wehklagen bricht er über die sein Gemüth beängstigende Jugendzeit aus: Dort, an jenem schrecklichen Orte Duldete meine Seele der Tyrannen Knechtschaft Zu meiner Sünde. Aus deinem unermeßlichen Schatze, Von deinem himmlischen Glanze Sende meiner Nacht, o Gott, einen leuchtenden Strahl! Die Gluth deines Feuergesetzes erwärme mich in dieser Wüste. So lieg ich hier nakt und hilflos ׳ Deines Namens wegen. Aber den dicken Schleier des Wahns, das Kleid der Verstellung Hab' ich von mir geworfen, weit hin. Glücklich nun, deine Größe, deine Macht betrachten, Nach deinem Willen leben zu können. Wenn des Unglückes schwere Last über den Menschen zusammenbricht, so schwindet Frohsinn und Heiterkeit. Auch Delgado war nicht mehr der Sänger lieblicher Lieder, von denen wir einzelne noch besitzen, sondern eine trübe, melancholische Stimmung hatte ihn erfaßt, und was immer aus seiner Feder floß, war mit Klage vermengt: Zum Gegenstand seiner Dichtung machte er die Geschichte seines Volkes. An der persischen Hof-Jntriguen- und Liebesgeschichte der Esther, wie man sie jetzt zu nennen beliebt, an dieser Gottes höchste Macht und unsichtbare Hand so deutlich zeigenden Erzählung, erquickte er sich und stärkte sich mit Muth und besseren Hoffnungen für Israels Zukunft. Diese Geschichte war auch der Zeit seiner und seines Volkes Leiden am angemessensten — das Bild einer von Verfolgungssucht fast wahnsinnig gewordenen Person, das Abbild eines Hamanns schwebte ihm, vielleicht ans Jugenderinnerungen, in allen Farben vor, und was war ihm leichter, als ein solches Gemälde vom ersten Anfang bis zum letzten Ptnselstrich, dem allgemein bekannten Ende des Judenverfolgers — in ein Heldengedicht