Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 10 (Juli 1856)
- Article
- Thamus
- Date
- 1856-07-01
- Page
- 521 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Fasttag der Etntiahme Jerusalems 521 Welten erschüttert und Reiche zertrümmert! Schwer angeetgnet ist der Gedanke; leicht auf die Lippen gehoben das Wort. Schwer verständigen sich die Gedanken; leicht vereinigen sich Massen im Wort, — bet dem doch Jeder nur das Seine denkt, das Jeder sich nach seinen Ansichten deutet und an welches Jeder die Erndte seiner Hoffnungen knüpft. Und ein Wort, von Tausenden gesprochen, von Tausenden zum Panier ihrer Bestrebungen, zum täuschenden Erkennungszeichen einer vermeintlichen Ueberetnsttmmung erhoben, wird durch die zuerst scheinbare Gewalt zu einer wirklichen Macht, zu einem Götzen, dem Vergangenheit und Gegenwart geopfert und von dem die neue, bessere, glückliche Zukunft erhofft wird. Mit einem solchen Zauberwort im Munde dünkt sich jede Gegenwart auf dem Gipfel der Vollendung, blickt verächtlich ans die Schöpfungen der Vergangenheit herab, deren Schöpfer ja das neue Zauberwort nicht gekannt, und im Besitz der.neuen Wahrheit und Weisheit nicht gewesen, die der neue Schall Jedem verbürgt. Es hat vielleicht noch keine kleine oder größere Umwälzung in den menschengesellschaftlichen Verhältnissen gegeben, die nicht von einem solchen Stichwort getragen worden wäre. Eine Geschichte der nach und nach zur Geltung und Herrschaft gelangten Stichwörter dürfte zu den interessantesten und — belehrendsten Aufgaben einer Kultur- und politisch-historischen Forschung gehören. Wohl dürfte sie freilich auch das utederschlagende Ergebniß liefern, daß unklare und halbwahre Gedanken bis jetzt viel augenfälligere Macht über die Gemüther der Menschen geübt, als in Wahrheit geborene und in Klarheit festgehaltene Gedanken wirklicher Erkennt«iß. Es sind nun etwa 40 Jahre her, wir standen noch im reiferen Knabenalter, die europäische Welt glaubte eben in das Stadium der Beruhigung getreten zu sein und begann die Trümmer zu sichten und die Goldkvrner zu suchen, die ihr aus den welterschütternden Stürmen als das Stammkapital für die neue Zukunft etwa geworden oder geblieben. Man suchte sich einzurichten für die neue Zukunft. Auch an das, was man ״Religion", ״Kirche", ״Glauben" nennt, kam die Reihe des zurechtlegenden Gedankens, und es wirkte Vieles zusammen, daß man daran nicht eben zuletzt gelangte. Der Geist, der die Welt erschüttert und den Riesen erzeugt hatte, den die vereinte Macht der Völker erst nach so vielen vergeblichen An-