Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 9 (Juni 1856)
- Article
- Jüdische dramatische Dichter in Spanien
- Date
- 1856-06-01
- Page
- 491 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Dr. M. Kayskrltng. 491 dend weißer Vogel-, die Seele symbolisirend, auch von den Kabbalistcn häufig in dieser Bedeutung gebraucht — umflattert ihn und hebt sich immer höher und hoher. Nach einer kurzen Pause eröffnet die durch den Leib verunreinigte Seele das Zwiegespräch mit dem Körper, indem sie in Verwünschungen ausbricht. Sic verflucht den, durch dessen Schuld fie sich zu den Strafen der Hölle verdammt fühlt und bereut es, in seiner Begleitung so nachgiebig gegen alle seine Wünsche gewesen zu sein; aber auch der sich seiner Vergehen bewußte Körper bricht in nicht weniger schreckliche Klagen aus darüber, daß er nicht Stärke genug hatte, den lüsternen Empfindungcn und lockenden Verführungen Widerstand zu leisten. Mitten in diesem von Körper und Seele mit Bitterkeit geführten Dialog tritt ein Engel auf, welcher ebenfalls die Gebrechen des menschlichen Körpers zum Gegenstand seiner Rede macht und der Welt ihre Thorhcitcn und Vergehen vorwirft. Dann zieht dieser die Seele mit sich zur Reinigung fort und läßt den elenden Körper zur Verwesung auf Erden zurück. Es ist dieses eine poetische Fiktion, mit welcher der Dichter die 'Nichtigkeit des Erdenlebens, die Unsterblichkeit der Seele und die einstige Bestrafung lehren will, und welche er geschickt in die dramatische Form cinkleidet. Zur einstigen Würdigung unseres Dichters wollen wir hier schließlich noch eines sehr merkwürdigen Gedichtes Erwähnung thun, welches ebenfalls aus seiner Feder geflossen ist. Dieses aus 466 Stanzen zusammengesetzte Werk wurde als Manuscript unter dem Titel ״Buch des Rabbi Santob" oder auch ״Rathschläge und Unterweisungen" genannt, vor einigen Jahren in der Madrider Nationalbibliothek ausgcfnnden. Auch daö Escnrial besitzt dieses Gedicht handschriftlich, in nur wenigen Strophen von dem ersten abweichend. Der um die spanische Literatur viel verdiente Engländer Ticknor hat in der neuerdings erschienenen 2. Auflage seiner spanish. literature im 3. Band dieses schöne Gedicht mit aufgenommen. Die ״Rathschläge und Unterweisungen" haben, wie der Titel schon sagt, einen moralischen Zweck, nnd sind au Peter den Grau-- samen bei Gelegenheit seiner Thronbesteigung gerichtet. In der etwas sehr langen Einleitung bittet der Dichter den frommen König tnständigst, seinen wohlgemeinten Rathschlag nicht gering auszunehmen, weil sie von einem Juden kommen: