Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1856)
- Article
- Der Materialismus in der Naturwissenschaft
- Date
- 1856-02-01
- Page
- 275 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2932821-2932827-2939466--01300-2939536- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I. Chemie und Leben. 275 Die Wissenschaft soll sich aber keine Götzenbilder machen und lieber an Gott glauben, wenn sie einmal gestehen muß, daß sie sich ringsum bis in'ö Unendliche von Unerklärlichem umgeben findet. Will sie atheistisch sein, muß sie wenigstens durch Ehrlichkeit ihren Mangel an Glauben möglichst ersetzen. Sie müßte dann sagen: Woher dies und das kömmt, wissen wir nicht, wohin es geht, wissen wir auch nicht; wir halten uns bescheiden in der sehr engen Sphäre des Wäg-, Meß- und Erklärbaren, der physikalischen, chemischen, mathematischen Materie. Da, wo das Leben anfängt, hört unser Wissen auf, so daß wir von dem Geiste, der höchsten Meisterschöpfung des Lebens, noch viel weniger wissen. Wenn sie an die Stelle dieser Bescheidenheit und Ehrlichkeit die Behauptung setzt: es giebt kein Leben, Alles ist ״Stoffwechsel", chemischer Prozeß, es giebt keinen Geist, Alles ist höchstens Elektrizität, Sauerstoff und Sauerkohl, so klingt das tölpelhaft und blödsinnig. Sehen wir uns die Naturwissenschaften, welche dem Leben und dem Geiste am nächsten kommen, die Chemie und Physiologie, einmal genauer an, um uns zu überzeugen, durch welche ungeheure Kluft sie von den unendlichen Mysterien des Lebens und dessen unendlicher geistiger Schöpfungskraft ausgeschlossen bleiben. Die anatomische und chemische Maschinerie des lebendigen, durchgeisttgten Körpers ist an sich schon ein so unübertreffliches, uncndliches Wunderwerk, daß die Naturwissenschaft nicht nvthig hat, darüber hinauözuschlagen und Alles zu läugnen, was ihr darin unerreichbar bleibt. Der lebendige Menschenleib ist eine organisirte Combination aller mechanischen Kräfte, aller bestehenden und dampfenden und noch künftig konstruirten Maschinen. Er hat seinen unermüdlich heizenden und treibenden Dampfkeffel im Magen, seine Hebel, Schrauben, hydraulischen Pressen, seine Schwung- und Kammräder, seine Webe- und Spinnmaschinen, seine chemischen Fabriken, seine Schiffe, Frachtwagen, »Misse und Kanäle, seine Handels» Bureaux für Ein- und Ausfuhr, seine Börse, seine Marktpolizet (Haupt-Bureau direkt über dem großen Hauptthore, dem Munde, unter der Nase), seine Ministerien, seine Gerichtshöfe, seine Straf- Anstalten, seine Apotheken und Aerzte, seine Sicherheits-Ventile, seine Nattonalgarde, sein Militair und seinen Hofstaat — Alles, Alles in sich, und zwar viel besser, als die Staatsweisen es sich