Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1856)
- Article
- Der Materialismus in der Naturwissenschaft
- Date
- 1856-02-01
- Page
- 274 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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274 Der Materialismus in der Naturwissenschaft. wir nicht aufSauerstoff, Stickstoff, Käsestoff, u. s. w. zurückführen können, zu denen wir mit den feinsten Waagen der Chemie, mit den tiefsten Berechnungen der Mathematik, den genauesten Forschungen des Physikers und Physiologen noch gar nicht einmal herankommen können. Und gleichwohl wollen diese gewaltigen Lebensformen genau studirt und danach respektirt und behandelt seilt, wenn uns der Materialismus nicht zu größeren Blamagen und in peinlichere Situattonen verführen soll, als der Idealismus. Die Naturwissenschaft sollte vor allen Dingen bescheiden werden und eine der Wissenschaft würdige Haltung annehmen. Nichts ist anmaßender, unsinniger, als ihr Generaltsire», ihre Behauptung: Weil wir es nur mit der Materie zu thun haben und mit allen unseren Forschungen, Scheidungen, Wägungen, Messungen, Berechnungcn nichts finden, als nur immer wieder Materie, ist überhaupt Alles Materie. Wie viel Materie kennt Ihr denn? Ein Billionstel von einem Stäubchen des materiellen Weltalls. Euer Schluß ist viel anmaßender und lächerlicher, als der Glaube des Mannes, der sein Haus verkaufen wollte und einen Ziegelstein als Probe mitnahm. Richtig ist blos, daß es die Naturwissenschaft blos mit Materie zu thün hat. Und hier finden wir gleich eine starke Aufsorderung zur Bescheidenheit. Was ist Materie? Was körperlich ist. Was ist Körper? Was schwer, porös, undurchdringlich, Raum einnehmend ist u. s. w. Was ist Elektrizität, Magnetismus, Wärme, Licht, chemische Bewegungskraft, Lebenskraft oder Lebensthätigkeit? Alle diese für materiell gehaltenen Kräfte, die auf den Begriff Materie nicht Passen, speist man mit Namen ab, wie Imponderabilien, d. h. Körper, die sich nicht wägen lassen, also keine Körper sind, besonders gern mit dem Titel. ״Kraft". Die Narurwissenschaft sieht viel Gesetze und Geheimnisse in ihre materielle Sphäre herein- und darüber hinauswirken, die sich allen Begriffen des Materiellen entziehen, sich nicht messen, nicht wägen, nicht erklären lassen. Was thut sie damit? Sie nennt sie ״Kraft". Alles, was ich nicht weiß nenne ich Kraft. Daraus würde folgen, daß die wahre Kraft der Naturwissenschaft in Nichtwissen bestehe. Sie ist in dieser Beziehung nicht weiser, als der naivste Wilde, nur daß sic viel heidnischer ist und an mehrere Götter glaubt, während der rothe Indianer Alles was ihm unerklärlich erscheint, seinem Fetisch auf die Rechnung setzt.