Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1856)
- Article
- Schewat
- Date
- 1856-02-01
- Page
- 258 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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dienstliche Gedanke ganz, oder fast zu Grade gegangen. Ihnen ist aller Gottesdienst —, Dienst Gottes, Aufwartung Gottes, Ceremonie, womit der Sterbliche die Verehrung seinem Gotte bezeugt. Aus dem Gesichtspunkte der unendlichen Erhabenheit Gottes erscheinen ihnen alle solche Einzelheiten als nichtssagende Kleinlichkeiten. Als ob unter dem. Gedanken der Erhabenheit Gottes nicht auch alle Ehöre und Hymnen und aller gottesdienstliche Prunk und Tempelstaat zu. nichtssagenden Kleinlichkeiten zusammcnschrnmpfte! Dem Juden aber, dem denkenden Juden ist aller Gottesdienst nicht an Gott, sondern an den Menschen gerichtet,, ist eine Ansprache an die Gedanken und Empfindungen des Menschen, ist eine Mahnung und ein Aufruf an den Menschen, sich für den thättgen, lebendigen Gottesdienst, sich für die lebendige, Gott dienende Gesinnung und That, für ein thätiges, Gott dienendes Leben zu rüsten und in ihm sich zu befestigen und zu kräftigen, und da sind ihm gerade diese Einzelheiten und von Andern belächelten Kleinlichkeiten, und je mehr sie ihn gerade mitten in seinem gewöhnlichen, alltäglichen Leben umgeben und mahnend grüßen, von viel tieferer Bedeutung, von viel innigerer Wirkung, als aller Staat einer vorüberrauschenden, feiert«- gigen Andachtsminute. Der wahre Jude kennt den Werth dieser belächelten Einzelheiten, weil er deren Bedeutung und Wirkung an sich in Erfahrung erprobt. Aus dem Munde dieser jüdischen Geister stammt nun auch die Erinnerung: המשה ,עשר בשבט ר־״ה ל»ילגוח , der fünfzehnte Schewat ist Neujahr der Bäume, ist der Geburtstag der kommenden Blüthezeit mitten im Winter; denke an ihn und fühle dich freudig gehoben zu deinem Gott! Wenn die Blüthezett da ist, wenn in tausend Knospen und Blüthen der Frühling zu Tage getreten, dann feiern wir mit lautem Jubel das Gottessest des Frühlings der Natur, das Gottesfest auch unsres Frühlings. Aber mitten im Winter weist die jüdische Sitte uns leise und unvermerkt auf die entblätterten, entasteten Bäume und flüstert leise die Mahnung: stehe, die feiern heute den Geburtstag des kommenden Lenzes Gunter dieser starren, gerissenen, dunkeln, kalten Rinde ist schon das neue, frische, warme Leben erwacht! Und welch eine Predigt spricht