Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1856)
- Article
- Ein Wort an Herrn Kirchheim
- Date
- 1856-01-01
- Page
- 238 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Ein Wort an Herrn Kirchheim. schleudern? Wo haben wir ein dogmatisches Urtheil über Dr. Grätz's Glaubensansicht gefällt? Wo haben wir ihn der Ketzeret angeklagt? Wo haben wir mit unmotivirten Phrasen um uns geworfen? Wo haben wir auch nur ein einziges seiner Worte deßhalb verurtheilt, weil es mit einem im Judenthum sanktionirten oder mit einem von uns dafür gehaltenen Dogma nicht übereinstimmt? W o haben wir uns Verdrehungen und Andichtungen erlaubt? Ws haben wir seine Persönlichkeit verkleinert, wo sind wir seiner Persönlichkrit zu nähe getreten, wo haben wir es überall mit seiner Persönlichkeit und seinen dogmatischen Meinungen und Ansichten zu thun gehabt? Wo haben wir uns als verketzernder Großinquisitor gerirt? Ein Großinquisitor verdammt, aber beweist nicht. Ein Großinquisitor prüft die dogmatische Wahrheit, aber nicht die wissenschastliche Wahrheit einer Schrift. Ein Großinquisitor kennt nur den Canon des Dogma, aber nicht den Maßstab wissenschaftlicher Objektivität. Wir aber haben nirgends verdammt und immer bewiesen, haben es nirgends mit der dogmatischen Wahrheit und immer mit der wissenschaftlichen Wahrheit der Grätz'schen Schrift zu thun gehabt, haben nirgends den Maßstab des Dogma, sondern überall den Prüfstein der Congruenz mit den historischen Quellen gehandhabt, aus denen diese Schrift geschöpft haben will. Wir haben das Grätz'sche Buch. zur Hand genommen, wie wir es denn noch jetzt in Händen haben und es noch ferner in Händen halten werden, und haben das, was uns dort als Geschichte der Juden, insbesondere als Geschichte der thalmudischen Lehrentwickelung geboten wird, an den Quellen wissenschaftlich geprüft. Daß durch Aufdeckung der Ungründlichkeit, Unwissenheit, Flüchtigkeit — der oft unbegreiflichen Mißhandlung und Verstümmelung der Quellen, sowie der willkührlichen Subjektivität, aus welchen diese Geschichte hervorgegangen, das System erschüttert werde, welchem diese Geschichtsdarstellung zur Stütze dienen soll, mag Herrn Kirchheim leid sein, mag Herrn Kirchheim verdrießen; uns würde das freuen, — wir sagen es offen — uns würde es freuen, wenn wir auch nur einen Beitrag geliefert hätten, daß Einein unserer Zeitgenossen die Augen über die morsche, unwissenschaftliche Hohlheit des Bodens aufgehen mögen, der mit so vielem Gepränge als eine durch wis-