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Jeschurun · 1855-10-01 · Heft 1 (Oktober 1855) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1855-1856)
Issue
Heft 1 (Oktober 1855)
Article
Thischri
Date
1855-10-01
Page
6 (sequence 6)
Language
German
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6 Thischri. einer freier«, sonnighellern Zeit kommen dürfte — das — wird nicht einmal geahnet. Ja, der heutige Zeitbegrtff vom Zudenthum scheint so sehr von diesen Buß- und Grabes-Anschauungen beherrscht zu werden, daß selbst ״Koryphäen" jüdischer ״Wissenschaft" in einer mehr als zweitausendjährigen poetischen Literatur unseres Volkes fast nichts als Klag- und Jammertöne Horen! Selichoth und Kinoth, Buß und Klage, tliat'8 all! Selbst die Psalmen fallen ihnen in diesen Jam-- metkreis. Selbst aus den Psalmen ist ihnen der Paukcnschlag und Cymbelklang froher Gottesbegeistcrung geschwunden, Bus; - und Klage-Elegien sind ihnen die Psalmen — und sind sic in diese elegische Stimmung so festgerannt, es ist ihnen diese elegische Anschauung des Judenthums zu einem solchen Axiom erwachsen, daß sie durch diese elegische Brille alle Fakten der Geschichte auf den Kopf gestellt sehen. Die Schwermuth bezwingende, fröhliche Davidsharfc kann ja unmöglich zu jenen Schwermuthselcgien geklungen haben! Was sollen überhaupt Elegien in glücklicher Davidischer Zeit! David, der Psalmdtchter ist eine Mythe! Propheten, nicht Psalmen erzeugt die Blüthezeit eines Volkes! Psalmen wachsen auf dem Modcrbeet trüber Verfallszeiten! Die Zeiten der Blüthe erzeugen Propheten! War freilich eine Blüthezeit, die Zeit des Jesaias, in welcher 5/6 feines Volkes dem Schwerste Assyriens erlag und in's Exil wanderte! Waren fröhliche, glückliche Zeiten, die Jeremias und Jecheskeels Prophetenmund reden hörten! Sind lauter glückliche, heitere, blühende Zustände, die uns die Propheten aus ihrer Gegenwart berichten! Psalmen aber, Psalmen, diese klagenden, büßenden Töne sind daher das späteste Produkt im heiligen Codex und die drei, vier Jahre antiochäischer Verfolgung haben sic erzeugt! Wie nns dies Alles der Altvater der neuesten jüdischen Literaturwissenschaft in seinem jüngsten Erzeugniß ganz treuherzig und als ob sich das Alles von selbst verstände erzählt. 26clch' einen schreienden Gegensatz zu dieser ganzen trübseligen Passionsanschauung des JudenthumS bildet der Rosch Haschanah- Psalm, dessen Jubel- und Schofar-Töne wir in schwach nachhallenden Worten am Eingang dieser Betrachtung wiedcrzugeben versuchten! Welch' eine ganz andere Stimmung spricht sich in ihm aus! In welch' einem ganz andern Gedankenkreise bewegt er sich! Und doch

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