Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1855)
- Article
- Thischri
- Date
- 1855-10-01
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Thischri. Wir begreifen sehr wohl die Freude darüber, daß — noch wenigstens daS da sei. Allein wir glauben auch andererseits, daß diese Halbheit — wie jedes Halbe — auch ihre sehr ernsten, betrübenden Seiten habe. Diese Halbheit hindert zuerst ganz besonders — daß wir so wenig ganze Juden haben. Man findet fiel) angenehm von sich selber überrascht, noch so viel jüdischen Fonds bei sich vorzufinden, der — für den ganzen Vormittag eines Ncujahrtages, für Nacht und Tag eines Versvhnungstages ausrcicht, und der den besonders von trüben Ereignissen des Lebens angeregten ernsten Stimmungen eine entsprechende Befriedigung zu gewähren vermag. Man freut sich, das Judenthnm noch in einem verstohlenen Winkel des Herzens — für die Zeit des Gebrauches — vorhanden zu wissen, freut sich, daß die alten Bande doch noch nicht ganz gesprengt, daß man doch noch nicht ganz aufgchort habe Jude zu sein — und in dieser Freude, in dieser Selbstzufriedenheit qnittirt man sich für alles Uebrige, beruhigt fein Gewissen und erwacht nie mehr zu dem Bewußtsein, daß : Jude sein, etwas ganz anderes bedeute. Einen ganz besonders betrübenden Einfluß hat jedoch diese halbe, sporadische, und nur bei bestimmten Gelegenheiten und zu bestimmten Zeiten hervortretcnde Beziehung zum Judenthum auf die Erkcnntniß desselben, auf die Vorstellung, die von diesem Judcnthum in den Gcmüthern heimisch wird, und sich so einbürgcrt, daß darauf gegründete Ansichten und Urtheile wie sich von selbst verstehende Avivmata ausgesprochen, und wie baar« Münze hingcuommen werden, ohne daß auch nur ein Zweifel mehr rege wird, ob denn nicht vielleicht — bewußtlose — Täuschung diese Urtheile geprägt. Wenn wir jahrelang nur am Neujahrs- und Versvhnungötage mit den jüdischen Institutionen in Kontakt gcrathen, wenn wir das Judcnthum so nur in den: weißen Sterbegewand erblicken, — ist ja selbst schon vor dem heitern Hütten- und Thorafreudenfcste unsere Bekanntschaft mit dem Judenthum meist verflogen! — wenn wir so nur im nächtlichen Nenmondödunkcl das jüdische Leben anfsuchen, aber der Helle Vollmondsglanz uns schon nicht mehr in jüdischem Kreise grüßt — und wenn auch sonst im Leben uns die Andacht nur auf dem Todtenacker, am Vater- und Muttergrabe, am Grabe der Gattin, Kinder und Geschwister überschleicht — was Wunder,