Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 12 (September 1855)
- Article
- Aus der Mappe eines wandernden Juden
- Date
- 1855-09-01
- Page
- Seite 656 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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656 Au« dcr Mappe eine« wandernden Juden. stehen abseit und haben ihr jüdisches Leben mit einer rauhen Hülle abstoßender Unkultur umgeben, die immer mehr die Kinder der Zeit in dem Glauben bestärkt: „dort wohnt daö Lebennicht!" Wenige nur wagen die Fahrt durch die Vvllfluth des strömenden Lebens, die Brust pricsterlich mit dem alten Lichte der Urim und der alten Lebensvollendung der Thumim gestählt, und unter diesen Wenigen sind wenige, die dieses „Licht" und dicS „Leben" als daS stolze Siegeöbanner hoch und frei vor sich hertragen, in ihm den Sieg und die Macht und das Heil der Allzukunft verehrend, die daö moderne Licht und daS moderne Leben begreifen, und eben weil sic'S begreifen, cS weder fliehe» »och überschätzen, die in ihm liegende Wahrheit, aber auch die in ihm liegende Täuschung erkennen, jene mit sich zu vermählen, diese zu überwinden wissen. Die Meisten von diesen Wenige» tragen daS alte Zudenthum wie einen still heimlichen Talisman mit sich herum, sich seines still bescligcndeir ZaubcrS erfreuend. Sic weiden ihm ihre besten Gefühle, ihre beseligendsten Stunde», aber daö Lebe» gehört ihm nicht an, aber im Markte deS Lebens, in den großen Gängen dcr Zeit wissen sie ihm keine Stätte. Wie ein Riese stehet ihnen und ihrem Heiligthnmc die überwältigende, weil unbegriffcne, Gegenwart gegenüber und jeden Augenblick fürchten sie seinen Tod von den vermeintlich gigantischen Umarmungen dcr Wissenschaft und dcö socialen Lebens. Alle theilcn sie den Kleinmuth jenes jüdischen Jünglings. Waö gäben sic darum, die alte Bundcöladc wieder in ihrer ureignen heiligen Stätte zu sehen! Aber die alte Lade nun pricsterlich auf die eigenen Schultern zu nehmen und sie muthig in'ö Hciligthm» zu tragen, dazu fehlt ihnen dcr Muth, dazu fehlt ihnen, meinen sie, die Kraft. Sie wissen eö nicht, sic wagen eö nicht zu wissen, daß nicht dcö Priesters Kraft die Lade trägt, daß der rechte Priester von der rechten Lade getragen und gehoben werde. Und da meinen sie denn, eö wäre ein neues Vehikel zu gewinnen und mit neuen frischen Kräften zu bespannen, und ängstlich gehen sic dcr Lade zur Seite, fürchten jeden Augenblick, sic falle, meinen jeden Augenblick, sie müßten zugrcifc», es müsse überall etwas geschehen, die alte Bundeöladc zu stützen in ihrem Gang«, und sehen eö nicht, daß die Bundcslade Gottes, die den Vätern voran durch die Wüste, die den Vätern voran durch daö Bett der Ströme geschritten, daß die auch noch uns voran durch die Oede und die Strömung der Zeit und deö Lebens zu schreiten