Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 10 (Juli 1855)
- Article
- Aus der Mappe eines wandernden Juden
- Date
- 1855-07-01
- Page
- 538 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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538 Au« der Mappe eine« wandernden Juden. mitleidig die Achsel über den gutmüthigen Schwärmer, der sich so wenig in die Verhältnisse der Gegenwart zu schicken versteht. ״Seht da die Thoren der Vergangenheit" sprechen die klugen Lente der Gegenwart. Und wissen nicht, wie die, die sic die Thoren der Vergangenheit nennen, eben durch und durch Männer der Zukunft sind. Ein zu unfern Füßen liegendes Blatt Papier, in welches ein mit-- reisender Knabe ein Butterbrod gewickelt hatte und in welchem wir ein Fragment der vielgelesenen ״Natur" erkannten, gab unser!» Gespräch die Richtung auf den Einfluß, den die Naturwissenschaften in beschränkter Einseitigkeit auf Geist und Sittlichkeit der Zeitgenossen zu nehme» im Begriffe stünden. Wit tiefem Schmerze schilderte er mir seine Erfahrungen, wie er sich!ungeschaut hätte in den vcrschicdensten Schichten der Gesellschaft und wie namentlich in dem Kreise der Halbgebildeten die Nacht deS inneren Lebens immer großer zu werden drohe, immer mehr der Gedanke ״Gott" und der Glaube an die eigene sittliche Freiheit schwinde. Mehr als man glaube, meinte er, gehe das Geschlecht krank umher, und selbst die Edlcrn fingen an, sich jeder höhern geistigen Idee und jedes edler!! sittlichen Gefühls zu schämen. Der große Nachtschatten des Materialismus sei nahe daran, alles Licht zu erlöschen und alle Wärme deS Lebens zu erkalten — — Der schmerzliche Nachhall dieses Gesprächs erfüllte noch mein Inneres, als sich vor meinen Augen die Scene der werdendcn Nacht wiederholte, unter deren Bilde er mir so lebhaft die geistigen Zustände der Gegenwart geschildert hatte. Darum fesselte mich so sehr der Anblick der von der Erde auf wachsenden,Schatten und deS immer mehr und mehr selbst von den Höhen schivindenden Lichtes. Der letzte Schimmer war geflohen und längst schon starrte ich gedankenlos fortträumend hinaus in die vollendete Nacht. Da machte das Schiff, eine bei den häufigen Windungen des Stronies gewöhnliche Schwenkung, schoß um die Ecke und hinter dem Gipfel der fernsten Bergkuppe zu unserer Rechten grüßte freundlich der Silbcrstreif des wachsenden Neumonds und über seinem Haupte der h.itcrc Stern, der freundliche Thorwächter des kommenden Mor gens wie der Nacht. ״Sehen Sic" — sprach eine mir bekannte Stimme, mit leisem Finger mir die Schulter berührend, — ״sehen Sie, וירח בלילה, es giebt doch noch einen Mond für die Nacht, wie ״Gctsterhauch" leuchtet die Hoffnung und die Zuversicht durchs