Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 9 (Juni 1855)
- Article
- Siwan
- Date
- 1855-06-01
- Page
- 469 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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2. Religion. 469 des Menschen zu seinem Gott oder seinen Göttern, ist doch dieser Name in allen übrigen Kreisen mit Würde und Heiligkeit bekleidet; konnte man einen ehrwürdiger!!, heiliger,! Namen für die Thora finden? Und doch hat ttlan mit diesem Namen das Wesen der Thora getödtet. So lange Menschen ans Erden athmen, hatten sie Religion. Der Heide der seinen Fetisch anbctct, der Wilde der sich seinen Gott auS Honigtcig knetet und mit Menschenblnt bemalt, der Grieche der ihn aus Gold und Elfenbein meißelt und ihm die Erfindung seiner Künste und die Ucbnng seiner galanten Laster «»dichtet, bis hinan zn den Bekenner« der beiden Institutionen, die aus der Vermahlung einiger Thoragcdanken mit Vorgefundenen Vorstellungen und Begriffen im Kreise der Menschen sich erzeugt — alle diese hatten und haben Ncligion. Selbst der Goltcsläugncr, der Ncligivnövcrächter hat noch vielleicht Ncligion; denn er läugnct vielleicht nur die Vorstellungen, die die übrigen Menschen ron Gott haben, verachtet vielleicht nur die Ncligion, die er bei den übrigen Menschen vorhanden findet, oder vorhanden glaubt. Denn ״Ncligion" nennt man ja jede Vorstellung, die Menschen sich von der Gottheit und von ihren Beziehungen zu dieser Gottheit gebildet haben und bilden. Die ״Neligioncn" der Menschen sind daher menschliche Produkte, Erzeugnisse des menschlichen Geistes und GcmüthcS, und darum׳ giebtS eine Genesis, eine Entwickclungsgeschichte der Ncligion und Religionen, wie cs eine Geschichte der Sprachen, der Künste und Wissenschaften giebt. Die Religion eines Volkes steigt und fällt mit den übrigen Culturstufen desselben. Die ״Ncligion" bildet selbst nur einen Theil dieser Cultur, ja ist ganz eigentlich bedingt durch dieselbe. Je vernünftiger, je vcrcdcl er die Menschen, um so vernünftiger und edler wird ihre Vorstellung von der Gottheit und ihren Beziehungen zu derselben sein. Keine ״Neligion" kann daher bei ihrem Entstehen das Culturmaß dcS Volkes überragen, unter welchem sie entstehet, keine ״Religion" in ihrem Beginn im vollendeten Widerspruch mit den Vorstellungen, Neigungen und Lebensansichten dieses Volkes stehen, keine ״Religion" die Geister und Gemüther dieses Volkes erst zu sich erziehen; denn sie ist ja eben nur Gewächs auS dem Boden seines Geistes und Geaüthes; sie ist ja von der Culturstufe des Volkes bedingt, und wird nit dessen Fort- und Rückschritten Schritt zu halten haben.