Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1855)
- Article
- Aus der Mappe eines wandernden Juden
- Date
- 1855-05-01
- Page
- 434 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2932807-2932816-2938620--00629-2938675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
434 Aus der Mcippe eines wandernden Juden. Kinderherzen auf erschreckende Weise erbleichen und schwinden vor dem Nordscheine dieser modernen Erleuchtung. Was habe ich in dieser Beziehung auf meinen Wanderungen für räthselhafte Scenen erlebt, jür trübe Erfahrungen gesammelt! Wie oft habe ich mich gefragt: wenn denn schon das □זכור אח יו השבח לקדשו nichts mehr gilt in. den עשרת הדבדוח; ist denn auch das בבד אח אביך ואח אמך, das: ,,Ehre Vater und Mutter" aus den Zehngcboten der Modernen geschwunden? Sehen Sie da diesen ehrwürdigen Mann! Können Sie ihn ansehen ohne ihn zu achten, firnncn Sie ihn ansehen ohne ihn liebzngewinnen? Der Gedanke wohnt auf seiner Stirn, die Wcisbeit leuchtet aus seinen Augen, die Freundlichkeit und Güte glänzt sonnig in allen seinen Zügen — er ist Ihnen fremd und doch wette ich, Sie können es nicht über sich gewinnen, in seiner Gegenwart irgend etwas zu thun, irgend etwas zu reden, waS ibn schmerzt, waS ihn kränkt, was den stillen Frieden seines Herzens trübt. Der Mann ist durch und durch Jude, jeder Albcmzug ist der Erkenntnis; oder der Uebung der jüdischen Pflichten.geweiht. Das frühe Morgenrot!) findet ihn schon im Gotteshause ״lernend". Der Tag gebört dem Geschäfte und der Mizwaherfüllung ״der Zdakah und G'nüluth Cheßed" — und ״lernend" gebt er dem nächtlichen Schlummer entgegen. Der Mann hat Kinder, bersliche, gebildete, -״ ■״gute" Söhne und Töchter. Sie tragen den Vater auf Händen, sie lauschen ihm an den Augen seine Wünsche ab, sie bitten Gott ihnen das Glück zu gönnen, die alten Tage eines solchen Vaters versüßen zu können — und sie allein sind eS doch, die den einzigen, herznagenden Gram in die Brust eines solchen Vaters senken, die ihm einen Schmerz bereiten, der sein ganzes Lebensglück untergräbt, die ihn im Gebete vor Gott Thräne'n — über seine Kinder — vergießen lassen, weit seine Kinder unjüdisch leben, weil seine Kinder den Sabbath entweihen, weil seine Kinder dem Heiligthum abgestorben, dem jeder Athemzng seines Lebens gehört! Können Sie sich ein solches Räthsel lösen? Wäre selbst in den Augen der Kinder die Frömmigkeit des Vaters Schwäche, Laune, Thocheit, Aberwitz -- jede andere Schwäche, jede andere Laune, jede andere Thorheit selbst des Vaters, werden sie ja zuvorkommend beachten, würden ja gerne die eigenen Wünsche, die eigenen Launen opfern, um den Vater nicht zu betrüben, — was sage ich,