Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1855)
- Article
- Aus der Mappe eines wandernden Juden
- Date
- 1855-05-01
- Page
- 435 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Moppe eines wondcrndcn Juden. 435 den letzten Bissen würden sie ja für den Vater bingeben, sie würden ja hungern um den Vater zu speisen, sie würden ja all ibr Erworbencs hinopfern um den Vater zu beglücken, — aber nun eine koschere Küche statt der unjüdtschen zu führen, eine bunkert Gulden weniger um des Sabbaths willen zu erwerben, und mit diesen beiden Opfern das Glück der Zufriedenheit, die Wonne ungetrübten Seelenfriedens dem Vater zu erkaufen das —- vermögen sie nicht über sich, das — Gott verzeihe mir's, aber ick begrnf's nickt anders — daS muß ihnen nicht nur als eine Schwäche, als eine Tborbcit, das muß ihnen als ein Verbrechen erscheinen — denn sie würden ja, um des Vaters willen Alles, nur kein Verbrecken, vollbringen! — -׳ — Es blutet und empört sich das Herz ob solcher Erinnerungen. Ich habe feine, gebildete Söhne gesehen, die ihrem Vater, die ihrem frommen Vater m dessen eigenem Wohnzimmer die Cigarre am Sabbath ins Angesicht dampften— ich habe Vorstände gesehen, die die bei einem Straßenbau ausgegrabcnen Gebeine ihrer Voreltern lieber auf den Schuttanger fahren lassen wollten um nur nicht einer, wie sie meinten, alten jüdischen Regung Vorschub zu leisten, ich habe — das Näthselhafteste gesehen, und vermag nur das Eine zu sagen: Die Edlern, die Bessern unter den dem Judenthum Entfremdeten würden, müßten über sich selbst erschrecken, wenn sie sich einmal zum Bewußtsein brachten, wohin diese Entfremdung geführt. Sie würden erschrecken über eine Richtung, die im Stande ist die edelsten, heiligsten Gefühle in der Menschenbrust zu ersticken, sie würden erschrecken über eine ״Weisheit," die das Auge blind macht gegen den Gram des Vaters, die das Ohr taub macht gegen den Seufzer der Mutter, die das Herz hart macht gegen den Schmerz der Eltern, die das Gemüth starr macht gegen die mahnende Bitte, welche daö Andenken Heimgegangener Vater und Mütter über ihren Grabeshügeln schweben läßt, — die die Stimmen der Menschlichkeit und der Pietät zu unterdrücken vermag und das Herz mit einem kalten Fanatismus zu erfüllen weiß, in welchem alle edlern Keime des Göttlichmenschlichen ersterben.