Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1855)
- Article
- Aus der Mappe eines wandernden Juden
- Date
- 1855-05-01
- Page
- 432 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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432 Ander Mappe eines wandernden Juden. Noch gestern hielten wir Mittag in D — ES waren an dreißig bis vierzig Reisende. GrößtcnthcilS sehr nette gebildete Leute. Wir hatten unö den ganzen Bormittag recht gut unterhalten. Auch ein Jude, ein recht gebildeter, unterrichteter Mann war nntcr ihnen. Die Tafel war schon für Alle gedeckt. Alle setzten sich zu Tische. Vater und ich zogen nnS zu einem am Fenster stehenden Tischchen zurück und ließen nnS ein frugales Mabl geben, wie wir eö genießen durften. Keiner von all den Gästen war so unartig daran Anstoß zu nehmen. Nur Einer drehte sich um und wendete sich von seinem Sitze auS laut an unö mit der Frage: Aber, warum nehmen Sie nicht Thcil an unserem Tisch? und dieser Einer war — der Jude. Wir sind so weit her gekommen, haben überall in den erste» Hotels logirt, haben nirgends unser jüdisches Leben vcrlaugnct, und ich kann nicht anders sagen, wir haben überall ein achtungsvolles Hofleches Begegnen gefunden. Nur von den Modernen unserer eigenen jüdischen Brüder, hatten wir schon manche Neckerei zu erdulden. Unbegreiflich bleibt mir's —" da hielt der Zug, wir waren in B — der Alte und die Dame verließen uns, um dort zu übernachten und erst mit dem Morgenzuge weiter zu reisen. Ich aber hatte Zeit den unterbrochenen Gedanken weiter zu ergänzen, und über das so oft sich uns darstellende Räthscl nachzudcnken, wie so cs komme, daß Menschen, denen man in ihrem sonstige» Benehmen nicht gerade den Cbaraktcr jener Bildung absprcchen kann, die dem socialen Umgang jenen rücksichtsvollen Ton verleihet, durch welche die verschiedenartigsten Personen ohne Anstoß und Mißklang znsgmmen verkehren tonnen, ganz blind gegen dir gewöhnlichsten Gesetze vcs Anstandes werden, sobald es gilt diese gesellige Pflicht dem sogenannten alten Judenthuine und seinen Bekenner» gegenüber zu üben. Mag in ihrer Gegenwart der Katholike sein Heiligenbild küssen, der Armenier seinen Rosenkranz abzahlcn, der Türke sich zur Kcbla wenden — ja, lassen 'Sic den Hnroncn in ihrer Gegenwart den Fetisch anbrtrn, sie werden achtungsvoll zur Seite treten, werden selbst was ihnen unbegreiflich, ja, verwerflich erscheint mit schonendem Schweigen begegnen, werden Allem und Jedem rücksichtsvolle Schonung angcdeiheu lassen, was Menschen als heilig verehren, und werden sich wohl hüten, die religiöscn Gefühle irgend eines Menschen zu verletzen, werden sich wohl hüten, irgend, ein Gcmüth durch verspvttclnde Hvhnung seiner