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Jeschurun · 1855-05-01 · Heft 8 (Mai 1855) · p. 431

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1 (1854-1855)
Issue
Heft 8 (Mai 1855)
Article
Aus der Mappe eines wandernden Juden
Date
1855-05-01
Page
431 (sequence 3)
Language
German
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Aus der Mappe cincö wandernden Juden. 431 ward eö geachtet. Darinn zogen sie wie Acker in die Schulen der Jugend, ״waö soll Tbeologie Diesen! Der da wird Kaufmann, Jener wird Künstler, Dieser wird Handwerker, was soll ihnen Thalmud und Bibel!" Froh warf die Jugend die altersgrauen Bücher hinter den Rücken. Unwissenheit und Unkenntnis) der Religion ward der wohlfeile TypuS der Bildung und Mode. Mit der Kcnntniß schwand auch der Boden, in welchem Achtung allein wurzelt. In Dem, waö ihnen noch als Zudenthum gelehrt ward, fand ja die altjüdische Sitte, das altjüdische Leben feinen Raum und keine Stühe. Nur Pietät und Familicnrncksickten fonnten sie noch halten. Die aber erlagen dem Spott und dem Hohn. Und rücksichtlos, schonungslos raste der Spott, spottete das Weib weg von der Seite des Gatten, die Kinder von den Ettern, den Bruder vom Bruder, das Kind weg von seinem Gölte, und wußte wahrlich keinen andern Halt der Familie und dem Herzen zu geben-- Aus der nächsten Station gesellte iw mich auch zu dem Alten und der Dame. Sind Sie auck vor der jungen Weisheit geflohen, fragte der Alte lächelnd. Das eben nickt, erwiedcrte ich. Ich wollte Ihrer jungen Dame nur mein Bedauern über die Begegnung ausdrücken, die sie gefunden, und ihr den Trost bringen, daß es noch Gemüther gicbt, die eine solcke Rohheit verabscheuen. Sie vcrpflichten mich sehr durch ihre freundliche Theilnahme, erwiedcrte diese; allein Trost bedarf ich Gottlob nicht. Ich wäre wahrlich zu bedauern, wenn ich des Trostes bedürfte. Wer seine Religion kennt und seine Religion liebt, der bedauert ihre Verächter, den schmerzt es, das Kleinod seines HerzenS so verkannt und verachtet zu sehen. Aber cs ist ihm kein Opfer, den Witz der Unwissenheit und Leichtfertigkeit zu ertragen. Ich wäre dem artigen Herrn auch sicherlich die Entgegnung nickt schuldig geblieben und hätte mich nicht schweigend zurückgezogen, fände es Vater nicht für mich ungeziemend an einem so öffentlichen Orte in einer so ernsten Sache das Wort zu fübren und wäre es nicht sein Prinzip, solchen Unziemlichkeiten mit stiller Verachtung zu begegnen. Ucbrigens sind wir gegen solche Begegnisse längst gestählt. Wenn man heutzutage mehr als 150 Meilen bereits gereist ist, weiß man, was man gerade von Denen oft zu erwarten hat, die sich die Gebildeten par excellence nennen, und deren erstes und letztes Wort Bildung, Humanität, Toleranz lautet.

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