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Jeschurun · 1855-05-01 · Heft 8 (Mai 1855) · p. 430

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1 (1854-1855)
Issue
Heft 8 (Mai 1855)
Article
Aus der Mappe eines wandernden Juden
Date
1855-05-01
Page
430 (sequence 2)
Language
German
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430 Aus der Mappe eine« wandernden Juden. standen und es unternahmen die Religion der Zeit mundgerecht zu machen. Doch das Alles ist noch ein Stück seiner selbstgefälligen Weisheit, die wir ibm ja schenken wollten. Zhm gegenüber saß ein ältlicher Herr, augenscheinlich vom Lande, mit einer jungen Dame, die, wie ich später erfuhr, seine jüngst verheirathete Schwiegertochter war. An der Verhüllung ihres Haarscheitels erkannte ich sogleich, daß ihnen die altjndiscbe Sitte noch heilig sei. Auch unser liebenswürdiger junger Mann erkannte das sogleich und machte nun sofort diese Sitte zum Gegenstand seiner kritischen Witze, seiner Raisonnements von Barbarei und Orient, und zog die Dame so lange direkt damit ans, bis sie auf der nächsten Station mit dem alten Herrn in ein anderes Goup6 sich flüchtete. So ist's recht, rief er und rieb sich vergnügt die Hände, so flicht das Vorurtheil vor der siegenden Vernunft! Ich ließ ein Paar Worte fallen, es wäre doch noch zu bedenken, ob denn Alles Vorurtheil, was einem Andern so erscheine, und wäre es selbst Vorurtheil, auch religiöse Voruriheile, und vor Allem ein so unschuldiges, hätten das Recht auf Schonung jedes gebildeten Menschen zu rechnen, er wisse nicht wie er die Dame, wie er den Alten verletzt, wie er vielleicht durch seine nnzeitigen Späße eine Saat des Unfriedens und des Zwiespaltes in eine Familie gestreut, deren zarteste Bande vielleicht von elterlicher, heiliger Sitte getragen würden. Gr sah mich groß — und spöttisch an; wo hätte, meinte er, die Zeit einen solchen Sieg über das alte Judentum gewinnen können, wenn man so zart und rücksichtsvoll geblieben wäre, wenn man nicht mit Spott und Witzen die altväterischen Sitten den jungen Gemüthern lächerlich gemacht, wenn man nicht Witz und Spott der Vernunft hilfreich zur Seite gestellt. Langsam erreiche die Vernunft ihr Ziel, rasch und summarisch erringe der Spott den Sieg. Der Vernunft biete man lange Trotz, aber lächerlich will so leicht Keiner, am allerwenigsten die jüngere Welt erscheinen! Ich sah ihn wieder groß an' und schwieg. Dachte aber um so mehr. Wie recht hat der Mann! Wie hat er da unbewußt eine Wahrheit ausgesprochen! Nicht die Vernunft hat den alten jüdischen Glauben besiegt; dem Spotte ist er gewichen! O, sie haben es gut verstanden, die Altmeister der sogenannten Aufklärung und des Fortschrittes! So lange das Zudenthum gekannt wurde, so lange

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