Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1854)
- Article
- Pariser Zustände
- Date
- 1854-12-01
- Page
- 161 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Pariser Zustände. 161 genießt. Welcher Schreck auf allen Gesichtern! Welches Bemühen den anklagenden Bissen zu verstecken! Der Eine wirft das Oorxus delicti unter den Tisch, der Andere gibt es dem Hunde, der Katze, der Tritte versteckt es hinter den Stuhl — Vater und Mutter falten voller Verzweiflung die Hände und schlagen die Augen nieder, ihre Blicke bitten um Verzeihung und versprechen Reue und Bes^ serung. Der ernste Blick des Pfarrers, der wie eine Erscheinung der gottlicben Gerechtigkeit erscheint, die Stellung der bestürzten Familie, alles dies ist wahrlich unendlich beredter als die klassischste von einer bohen, reichgeschmückten Kanzel — an leere Bänke oder an ein andachtsloses Auditorium gerichtete Predigt. Auch der Rabbiner könnte in manche israelitische Familie kommen, wo man sich zu Tisch setzt und aufstcht vom Tische ohne die Tischgebete zu sprechen, wo man religiösverbotene Speise!: genießt, wo Eltern und Kinder nicht Eine der religiösen Pflichten erfüllen, er hatte manche Gelegenheit zu ermahnenden Vorstellungen, die für ihn ein Recht sind unb eine heilige gebieterische Pflicht, הוכח הוכיח רגו׳; cv könnte durch Eine Frage an die Kinder sich überzeugen ob sie in den Gesetzen und Sitten des Judenthums erzogen werden; er könnte beim Scheiden seine Hand auf die —- fehlende Meplsah legen wollen — und die Familie würde über ibr religiöses Leben erröchen. Wir wollen wahrhaftig keine inquisitorischen Besuche, keine geistlichpolizeilichen Untersuchungen, die weder׳ unserer Zeit noch unserer Religion entsprachen. Aber vermöge seines Eharakters und der heiligen Verpflichtungen seines Berufes darf der Rabbiner erwarten, überall ausgenommen, überall mit derjenigen Achtung gehört zu werden, die dem Boten Gottes gebührt. Moses hat es nicht gescheut zum Pharao zu gehen, Jonas zu den verderbten Bewohnern Ninivch's, Jeremias sendete der Herr als Propheten zu den Heiden נביא למים נההיד — warum sollte der Rabbiner, der Oberrabbincr, der präsidirende Obcrrabbiner des Eentralconsistoriums nicht an der Thüre eines Banquiers, an der Thüre eines Wechselagenten klingeln dürfen — um ihnen einige Worte religiöser Ermahnung zu bringen? Es ist wahrlich ein Unglück, daß unsere Rabbiner sich den administrativen Eommunalgeschäften unterzogen haben, die alle ihre Zeit in Anspruch nehmen und sie' ihrem eigentlichen Berufe, daS göttliche Gesetz unter ihren Brüdern zu lehren, zu erhalten, zu för-