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Jeschurun · 1887-12-22 · Heft 51 (22.12.1887) · p. 806

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 51 (22.12.1887)
Article
Die verschiedenen Arten des Antisemitismus
Date
1887-12-22
Page
806 (sequence 3)
Language
German
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806 Juden sich in den ihnen zukonirneudcn Schranken hielten, so wurde kein Mensch sie ansechtcn. Wir bekämpfen sie nicht, weil sie Juden sind, sondern wegen ihrer RasscngcsührlichkciL. (Beifall.) Der Bortragcnde ent׳- wickelt nun, wie seit den Egyptertagcn die Juden bei allen Böllern mit Mißtrauen betrachtet seien. Sie seien genau seit jener Zeit dieselben geblieben, auch in ihrer körperlichen Erscheinung. Gerade die Erklärung der Volksinslikte, die alle Völker zu Feinden der Juden machten bis auf den heutigen Tag, liege in dem Rassenbewußlsein. Alle übrigen Völker Europas fühlten sich verwandt unter einander, nur nicht mit den Juden. Die Bezeichnung NassenantiscmitiSmnS vergegenwärtige auch, daß der Antisemitismus international sei, daß er sich durch die ganze arisch-christliche Welt erstrecke. Von NassenantisemitiSmns zweige der nationale sich ab, denn jedes Nationalbewußtsein sei doch im Grunde das Bewußtsein, einer bestimmten Rasse anzugehören. Dem internationalen Judcnthum müsse auch international zu Leibe gegangen werden. Wenn sich alle arisch-christlichen Völker gegen diesen einen gemeinsamen Feind wendeten, dann würden die anderen Kriege bald anfhörcn, dann würde der Weltsrieden zu Stande kommen. Die Vc- Zeichnung ״Antisemitismus" sei nicht korrekt, aber der Name sei nun einmal historisch geworden. — Somit, das die Quintessenz des Liebermannschen Vertrages, seien die Disfcrenzpunkte zwischen dem ״Stöckerschen Antisemitismus״ und dem seiner Gesinnungsgenossen durchaus keim׳, solchen, die zu Kampf und Streit Veranlassung. geben. Der einzige Unterschied liege in dem Herauskehren und RichthcrauSkehrcn des positiven ChristcnthnmS. Man solle jeden in seiner Weise die Waffe wählen lassen, aber gemeinsam gegen den gemeinsamen Feind kämpfen, dann werde der Sieg nicht auSbleiben. Im weiteren Vorträge rügt Herr Liebcrmann v. Sonncnberg cs als unpraktisch und unpolitisch, wenn der noch junge Antisemitismus sich jetzt schon aus eigene Füße stellen und andere Parteien anrempclu wolle. Erst solle man sich in sich selbst stärken und au der Ausstellung von Zählkandidaten genügen lassen. Redner streift weiter das Kartell, gegen das er stets gewesen, weil man den AntisemitistnuS unberücksichtigt gelassen. Die Antisemiten hätten die große Aufgabe, der Berliner Bewegung wieder nacbznHelsen. Wenn bei den nächsten Wahle in Berlin 20 000 und im Reiche 100000 anti semitische Stimmen abgegeben werden, dann wird man auch in der Wilhclmstraße cinsehcn, daß cs eine antisemitische Partei gicbt." Mit der Mahinuig. nicht durch Resolutionen, sondern durch die Thal die gemeinsamen Ziele zu fordern, schloß der Redner seinen Lnderlhalbstüudigcn Vortrag mit einem Hochruf ans Deutschland, in den die Versammlung einstimmte, um alsdann unter Absingung des Liedes ״Deutschland' Denschland über Alles," unter Hochrufen auf den Redner' auch aus Dr. Böckcl, auseinander zu gehen. — Die Ver׳ sammlnug war ziemlich gut besucht, auch mehrere Christlich-Soziale, unter anderen?. Burkhardt, waren dort. Am 15. d. M. ließ auch die dritte Abtheilung des AntiscmiteukorpS ihr Bckenntniß verkünden.' Wir berichten hierüber ebenfalls nach der ..Kreuzzeitnng": Der ״bcutfdjc Ncformvcrein", eine seit einiger Zeit bestehende Abzweigung vom deutschen Antiscmitenbund, hatte auf Donnerstag Abend eine Versammlnng in einen etwa 100 Sitzplätze bietenden Saal der Arminhallcn geladen. Der Saal war dicht gefüllt. Unter den?!:׳.wesenden befanden sich auch Mitglieder anderer Parteien, Christlich-Soziale, Sozialdemokraten n. A. Der NcichstagSabgcordnctc De. Böckcl wollte über Verlängerung der Legislatrnperioden vom antisemitischen Standpunkt reden. Zunächst lhcilte er der Versammlung mit Beziehung ans seine an demselben Tage erfolgte Betheiligung an der Debatte über den § 2 des KornzollgcsetzcS im Reichstage mit, daß der heutige Tag ein wichtiger Wendepunkt für den Antiscmstismns geworden sei. Es sek eine merkwürdig warnie Stimmung für den Antisemitismus i in Reichstage gewesen. Die Abgeordneten haben sich alle zugernftn: ״Böckcl redet" und seien auch von draußen \\\ allen Thuren herciugeströmt, um ihn zu hören. Eugen Richter sei ganz blaß und leidend gewesen vor Acrgcr, habe fortwährend krampfhaft ״Unsinn" geschricn und sei zur Ordnung gerufen worden, ein neuer Anlaß zur Wuth für die Judenb'.älter. Daß er. Böckel, überhaupt zum Wort zugclasscn worden sei, was gewöhnlich nicht der Fall, verdanke er seinen Zähnen, die er dadurch gezeigt, daß er gedroht habe, zur Geschäftsordnung das Wort zu ergreifen. Die Herren der Ncichspartci haben ihn auch unterstützt und ihn! nach Schluß der Rede die Hand gedrückt. 1)1׳. Böckel hat eine bedeutende Wirkung seiner Rede auf den Reichstag bemerkt. 1)1-. Böckel sprach die Zuverficht ans, daß er selbst und der Antisemitismus noch eine große Zukunft habe, z. B.: ״Es wird eine Koalition aller Parteien gegen mich stattfinden, der ganze Haß wird sich gegen den Antisemitismus vereinen. Ihre Parole wird sein: ״Nieder mit Böckel!" Ich hofft aber, wir werden ihnen eine Niederlage bereiten, die keinen Zweifel übrig Läßt. (Beifall.) Die letzte Wahl in -vesscn war nur ein Vorpostcngesecht. Die L-chlacht wird!890 geschlagen werden. Verliere ich meinen ׳Wahlkreis, dann ist der Antisemitismus unter dem Hohngelächter der Inden für immer bcgraben. Darum muß Jeder reichliche Beiträge zum Wahlfonds geben und sein Schcrslein aus den Altar des Vaterlandes nicderlegen. Dann werden wir.:-die

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