Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1887)
- Article
- Die verschiedenen Arten des Antisemitismus
- Date
- 1887-12-22
- Page
- 805 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932805-2937708--26775-2937767- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
805 guten! Willen auf betten Seiten ein gemeinschaftliches j Arbeiten sehr wohl möglich sei. Hofprediger Stöcker ' habe (teu Referenten der ״Kreuzzeitmig" und des ' ״Deutschen Bolksblattes" zufolge) den Antisemitismus; in drei Klassen gesondert: 1) Antisemitismus vom theologischen Standpunkte, 9) Antisemitismus vom nationalen Standpunkte, 3) Antisemitismus vom ethisch׳- sozialen Standpunkte aus, wie letzteren die christlichsoziale Partei betreibe. In dieser Einthcilnng liege vorweg die Verneinung der oft behaupteten Thalsache, daß die Christlich-Sozialen die Judcrifrage vermittelst der Taufe lösen wollten; diese Lösung sei einzig die vom theologischen Standpunkte ans. Hosprediger Stöcker habe bei seiner Klassifikation die theologische Lösung nur kurz beleuchtet, was man würdigen müsse und verstehen könne, denn derselbe habe keine Veranlassung, sich mit seinen Amtsbrüdern, die auf diesem Wege die Iudensrage zu lösen glaubten, in Meinnngsvcrschicdenheit zu setzen. — Der ganze Bortrag des Hvfprcdigers Stöcker lasse sich in einen persönlichen und einen sachlichcn Theil zergliedern; er (der Redner) wolle sich nur mit dem letzteren beschäftigen, jedoch nicht unterlassen zu bemerken, daß nach seiner Meinung der Hosprediger Stöcker in gutem Rechte war, sich seiner Haut zu wehren. — WaS nun den theologischen Antisemitismus betreffe, so liege kein Bedenken für ihn, wie für Hof- Prediger Stöcker vor, nicht etwas näher darauf einzugchen. Cr sei der Meinung, daß durch die Taufe nichts, erreicht werde. Nur in seltenen Fällen lasse sich ein Jude wirklich aus innerst cm .Herzensbedürfnisse, den auf seinem Volke lautenden Fluch los zu werden, taufen; zumeist seien andere Beweggründe vorhanden. Die Statistik weise nach, daß im Herbst. znrGcschäftsslanc die Taufen wüchsen. Uebrigens nicht alle Juden suchten die Taufe um Geld. Heinrich Heine habe den Taufschein ein ״Entreebillct für die deutsche Kultur" geuanut. DaS sei bezeichnend für alle Zeiten. Getaufte Juden seien noch mißtrauischer zu betrachten, als ungetanste. (Beifall.) Durch die 3 ubentaufe werde über- Haupt die Frage des Antiscmitis!n׳.׳.s versälicht; durch Masseutaufcn, wie die Theologen sic doch wünschen müßten, würde dieselbe versumpfen. Andernfalls müßte ein Korrelat geschaffen werden, daß erst die 3. und 4. Gen erat ion von getauften Juden den Genutz des St aatsbü rgerthnms ernten dürfe. Eigentlich sei der theologische Standpunkt gar kein Anti-, sondern ein Philoscmitismus, der den Inden recht schnell den Weg öffne zu Staatswürden. Cr und seine Gesinnlingsgeuossen lehnten somit ab, daß der theologische Antisemitismus überhaupt Antisemitismus sei. Sonach könne derrüber kein Streit entstehen. — Zum Zweiten wendete sich Herr Liebcrmann von Sounenberg zu״dem ethisch-sozialen Antisemitismus und erklärte sich mit den darüber von Hosprediger Stöcker gcthancn Aeußerungen voll und ganz einverstanden; man könne nur wünschen, daß Stöckns Amtsbrüdcr alle in gleich klarer Weise, wie dieser vorgingen. (Beifall.) Ueberhaupt sollten sich alle die Kreise, in denen Antiscmüismus betrieben weide, au der Art des HofprcdigcrS Stöcker, an seinem Malinesinnthc ein Beispiel nehmen. (Znstimlnung.) —Betreffs des nationalen AntiseinitiSmuS stehe er gleichfalls ans dem Boden der Stöckerscheu Erläuterung; nur habe dieser darin vergessen, zu bctoncii, daß wir auch das deutsche Gefühl in jeder Weise geschont wissen wollen. Es sei von den Christlich- Sozialen den ״nationalen Antisemiten" oft der Bor« wnrf gemacht, daß sie Atheisten [eien. Dagegen müsse er proteftiren. Er und seine Freunde trieben den Antisemitismus nicht als eine religiöse, sondern als eine sozialpolitische Bereinigung auf nationalem Boden. Darin liege der Kernunterschicd des ethisch-sozialen und des nationalen, des AntiseiniliSmns der Stöckersehen und der Partei, zu welcher er (der Redner) ge« höre. Der Umfang, in welcher die religiöse Seite bcrücksichtigt werden solle, bleibe in das Ermessen jedes Einzelnen gestellt. So stehe jedem positiven und jedem nicht ganz auf strcngciu Standpunkt stehenden Christen der Eintritt in den Antiscmitcnbund offen. Die Ursache, wcShalb jene Partei die jciuige in dieser Nichtung des Atheismus zeihe, beruhe lediglich auf Mangel- Hafter Juformation. ״Wer möchte wohl glauben, daß Jemand unserer Antisemiten oh!re religiöses Gefühl, ohne Glauben au Gott (ei?" Hoffentlich werde man auf ariderer Seite den Bitten uachgebcu und die Borwürfe künftig unterlassen, wie dies ja in Stöckers letzten! Vorträge geschehen sei, gegen den kein Antifemit Grund habe, sich zu wehren. Der Nasscu-Autisemitismus sei von! Hosprediger Stöcker als uuchristlich und ungebildet bezeichnet. Mit diesem Worte Nassen-Antisemitismus gehe cs just so, wie mit manchen andern Dingen, die Aussassmigen seien verschieden, nach gegenseitiger Erklärung versch'.vändcn aber oft diese Bcrschiedenheitcn. Auch Hof- Prediger Stöcker scheine, was er (Lieberlnann) unter Rassen AntiscmitiSmnS sich denke, nicht richtig verstauden zu haben. ״Wir stehen nicht so, daß wir sagen, wir sind arische Christen, Alle, die keine arischen Christen sind, müssen weg. Wir wenden uns nicht gegen die Theechincscn, die Japaner, die Indianer, die Neger, die in Deutschland sind! Warum nicht? Weil jene sich in den ihnen gebührenden gesetzlichen Schranken halten, nicht nach Staatswürdcn u. s. n\ trachteten. Thäten die Juden nur dasselbe, so gäbe cs keinen Antisemitismus. Würden die Chinesen u. s. w. sich andcrcrseitS also geberdcn, so würde cs auch sofort einen Antimongolismus u. s. w. geben. (Beifall.) Wenn die