Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1887)
- Article
- Plaudereien aus der Schule
- Date
- 1887-11-24
- Page
- 739 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932801-2937411--26559-2937459- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
739 nicht kennt, dem könnte man wohl die Hälfte seiner sämmtlichcn Schriften zitircn als Beleg für seine schneidige Berurt'hcilung der von unseren NeligionSschulen nachgeahmten Methode, den Kindern Religion bciznbringcn. Ans der Unzahl der hierher gehörigen Acnßernugen mögen deshalb hier nur einige wenige folgen, wie sie sich gerade Rim flüchtigen Durchblättern der Lcssing'schen Schriften ergeben, die aber nicht einmal die drastischsten sind. ״Jetzt ist, durch die verkehrte Art, das Christen- 11)11111 zu lehren, ein wahrer Christ weit seltener als in den dunkleren Zeiten geworden. Der Erkcnntniß nach sind wir Engel, und dem Leben nach Teufel." ״Gesunde Ordnung, im Denken, lebhafter Witz, Kenn miß der Welt, ein empfindliches Herz, Leichtigkeit des Ausdrucks sind Dinge, die dem Deutschen weniger fehlen würden, wenn man sie in Schulen lernen könnte. Die meisten Lehrer haben sie selbst nicht; was Wunder also, das; sie ihre Schüler anführeu, sich mit met hod i sch e u Leitfäden, topischen Einfällen, studirten Einpsiudungcu, staubigen Realien und künstlichen Pcrioden zu behelfen." ,,Die besten Christen wußten am wenigsten von Theologie und die am meisten von ihr wußten, waren nicht die besten Christen." 3fr Kant: ״Derjenige, welcher sich selbst (und, was in den ReligionSbckeuutnisscu einerlei ist, vor Gott) sagt: er glaube, ohne vielleicht auch nur einen Blick in sich selbst gethau zu haben, ob er sich in der That dieses Fürwahrhaitcuv vdcr auch eines solchen Grades derselben bewußt sei, der lügt, nicht bloS die ungereimtcste Lüge, sondern auch die srevclhaftesic, weil sie den Grund jedes tugendhaften Vorsatzes, die Aufrichtigkeit, untergräbt. Wie leicht solche blinde und äußere Bekenntnisse (welche sehr leicht mit einem ebenso nnwahren inncru vereinbart werden), wenn sie Erwerbmittel abgebcn, allmülig eine gewisse Falschheit in die DeukungSait bringen, ist leicht abzusehen." ״ Sollte cS nicht möglich sein, das Lächerliche des Vorzuges oder des Verdienstes, welches gewissen Lehrmeinungeu zugeschoben wird, klar aiiszudecken? In Konstantinopel glaubt mau dies, in Moskau das, in Nom. Genf, Wiitenberg ein Anderes, vom Vater aus den Sohn.-Es sollte z w a r einen veruünftigeu Menschen etwas mißtrauisch gegen die Sache machen, wenn das Glauben aubesohlen oder angenöthigt wird." ״Der wahre Glaube wird diesen guten Schafen (den Kindern) nicht abgcsprochcn; denn dazu wird nur erfordert, daß sic sich kein Bedenken machen, gewisse Redensarten n a chz u sp r e che n, die ihnen Vorgesprächen werden. Sekte wird von folgen ($c»iui) benannt. weil Alle, ohne sich mnznsehen, dem Führer folgen, der sie gegen den bösen Unglauben auf das Angelcgcntlichste warnt." ״Welche Verarmung der Begriffe, welche traurige Konsequenz! Also soll die bequeme Annahme einer von Anderen entdeckten Wahrheit — Glückseligkeit und Tugend bewirken, nicht aber eigener Geist, selbst^ angewandte Verminst, sclbstgcübte Kräfte'? — Wenn nur nicht auch manche Protestanten so dachten!" 3fr Goethe: ״Niemand begreift etwas, als was ihm gemäß ist, was unsere Natur anspricht, waS wir mit uns im Einklang fühlen." 3fr Herder: ״Noch jetzt glauben, leben und sterben Tausende der Christen an pcrsonifizirte Wortschälle und hoffen dadurch Seligkeit und Gnade: wahre Magier, aber der spätesten, schlechtesten Art." ״Hast Du je einem Kinde aus der philosophischen Grammatik Sprache beigcbracht? ans der abgezogensten Theorie der Bewegung cs gehen gelernt? Hat ihm die leichteste oder schwerste Pflicht aus einer Demonftvatiou der Sitten lehre begrcislich gemacht werden müssen? und dürfen? und können? Gottlob eben! daß sic cs nicht dürfen und können. 3fr v. 9kochow: ״Wo mich nicht Alles trügt, so ist der frühe Gebrauch der Katechismen in den Schulen, welcher ׳ den Verstand der Kinder verwirrt und die schädliche Idee veranlaßt, im Answendiglerneu nicht verstandener Worte besteht die Neligion, und welcher ihnen daher in der Folge das Neligiöse verdächtig und zum Ekel macht, eben die Quelle der so weit herrschenden Jmnwralität. Und ich halte mich zu dieser Aeußernng um so mehr berechtigt, da Erfahrung von fast 30 Jahren an Hunderten von Kindern mich belehrte, daß wenn beim Unterricht junger Kinder eine natürliche, mehr zum Zweck führende Methode gewählt wird, solche Kinder dann auch im Ganzen besser gerathcn. — Doch wer verlangt wohl bei einer so klaren Sache noch mehr Gründe?" 3fr Ehanuing: ״Nim aber entsteh! die Frage, in welcher Art und Weise die Neligioii gelehrt werden soll, so daß sie das Leben des Kindes zu erwecken vermag. Soll ein Katechismus gelehrt werden? Ich sage: Nein. Ein Katechisnurs ist ein Skelett, ein todter Buchstabe, eine Versteinerung. Des Lebens entbehrend kann cr kein Leben geben. Eilt Katechismus mag dadurch, daß cr systematisch ist, dem Unterricht j eine gewisse Ordnung und Methode verleihen; aber Systeme der Theologie sind in der Neligionsschule der! Kinder nicht an ihrem Orte. Sie gehören — wenn