Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1887)
- Article
- Zum Wiederbeginn der Thora
- Date
- 1887-11-03
- Page
- 690 (sequence 2)
- Language
- German
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690 1111b Europäer, sondern nach welcher die disparatcsten : Wesen, Mensch, Mucke und Elephant, Haifisch und! Flicke zusammen mit dem Veilchen und der Eiche demselben Keimbläschen, demselben Protoplasma entstammen!! Erhabene ewig unveränderliche Wahrheit des Gottes- Wortes, gegenüber den ewig wechselnden und wandelnden, von Extrem zu Extrem schwankenden Meinungen der Menschen! Denn daß cs in Wahrheit nicht Ergebnisse der exakten Naturwissenschaft, sondern nur luftige Hypothesen einer phantasirendcn Naturspeknlation oder spckn-!irendcn Naturphantasic sind, die gegen die Wahrheit des Gotteswortes ins Tressen geführt werden, brauchen wir wohl kaum erst ausdrücklich hervorzuhebcn. Wir gehen weiter. Ta grüßt uns zunächst das Wort: ״Gott schuf den Menschen nicht nur נדהותו sondern auch *בצלכץ". Mag man dieses mm in der herkömmlichen Weise mit: ״in seinen! Ebeubilde" übersetzen, oder mag mau cs, da das בצלמנו im Verse zuvor durch das בדמותנו, durch der Hinweis ans die Göttlichkeit des Mcuschcngeistcs motivirt wird, als: ״Gott schuf den Menschen in einer seiner würdigen Hülle, in einer Gottes würdigen Hülle schuf er ihn" fassen —: jedenfalls wird durch dieses Wort die hohe Bedeutung auch des Menschcnleibcs ausgesprochen, und zwar wird dieselbe durch die Wiederholung mit ganz besonderem?Nachdruck hcrvorgehobcn. Daß des Menschen Geist nicht irdischen Ursprungs, daß er nicht ein bloßes Akzidenz des Körpers sei, das wird uns durch die Worte gelehrt, daß nachdem Gott den Körper gebildet hatte, ״Er ihm in sein Antlitz Odeur des Lebens hauchte" und ״dadurch erst der Mensch zu einer lebendigcn Persönlichlcir wurde." Aber auch die Bildung des Menschenlörpers wird uns als eine von der des Thiercs wesentlich verschiedene gelehrt. Bei den Thieren heißt cs stets: Die Erde brachte sic hervor, bei der Schöpfung des Menschcnleibcs aber: ״Gott bildete den Menschen, Staub vom Mcnschenboden." Da es nun ferner von der Schöpfung des Menschen oben hieß: בצלב אלקיב, daß Gott diesen Staub vom Mcnschcnboden in einer Gottes würdigen Hülle, zu einer der Erscheinung des Göttlichen aus Erden würdigen Hülle geschaffen habe, so wird damit immiUdl'ar der Leib des dNensch.cn als eiuc würdige Hülle des Göttlichen im Menschen, also des Mcnschcugcistcs und als dessen Organ dahingestellt. Damit ist auch der Leib des Menschen auS der ausschließlichen Herrschaft des Physischen in das Bereich des Geistigen gehoben, unter dessen Herrschaft er gestellt und zu dessen Werkzeug er beftimmt ist. - Hat es aber wohl je eine Zeit gegeben, in welche der Hinweis, der stets zu wiederholende und nimmer eindringlich genug zu wiederholende Hinweis ans diese Bcstimmnug des McnschcnlcibeS, aus diese ihm vom Schöpfer ancrschasfene Bcstimmnug, Hülle und Werkzeug des -Göttlichen im Menschen zu sein, uothwendiger gewesen wäre als in unserer Gegenwart? Welche Lehre ist cs denn, die den sinnlosen Ausschweifungen Thür und Thor öffnet, welche Lehre ist cs, die die reine Jünglingöseele über die ersten Bedenken hinweghebt und sie nur zu rasch dahin bringt, nur noch über das frühere Erröthcn zu errölhcn und nur noch über den letzten Nest des eigenen Schamgefühls sich zu schämen? Welche Lehre ist cs, die die Gewissen der Jugend einlullt und die sich ab und zu regenden Skrupel, diesen Mahnruf des Göttlichen, auch bei so vielen Alten nicht aufkommcn läßt? Ist cs nicht die Lehre von der Natur- Widrigkeit der Forderung der Selbstbeherrschung? Es sei ja umnöglich, die Sinnlichkeit zu meistern, und nur Heuchler seien cs, die vorgebcu, dieses Unmögliche zu leisten! Möge der Geist geistiger Genüsse sich erfreuen, der Leib könne schranken- und skrupellos den sinnlichen Trieben folgen. Es besteht ja absolut kein Unterschied zwischen Thier- und Menschen! cib. das haben ja die neueren Forschungen unwiderleglich bewiesen. Neuere Forschungen? Um die Analogie in dem anatomischen Ban des menschlichen Körpers und dem dcr höher vrganisirten Thierc zu erkennen, sowie die Analogie der physiologischen Funktionen ihrer Organe, dazu hat cs wahrlich keiner neueren Forschnngcn bedürft. Diese Analogie kannten die Alten so gut wie wir, sic ist eiuc klar zu Tage liegende Thatsache. Eine eben solche Thatsache aber, zu deren Erkcnntniß es gleichfalls keiner Forschung bedarf, weil sie einen Jeden das eigene Sclbstbcwnßlscin lehrt, ist freilich auch die Fähigkeit des Menschen, seine Sinnlichkeit zu meistern; jener Thatsache gewisser Analogien mit dem Thierc stellt jedem unverdorbenen Menschen ein Blick in das eigene Innere, die noch viel sicherer, weil 1111־ mittelbar konstatirte Thatsache einer unendlich großeren Unähnlichkeit, einer Gruudverschicdcnheit zwischen ihnen und dem Thierc entgegen. Ja, man darf eS kühn behaupten, da giebt cs keinen, auch noch so tief gesunkenen Menschen, der, wenn er ausrichtig ist. nicht zngcstchcn müßte, daß auch er aus eigener innerer Erfahrung solche Stunden kenne, in denen er sehr wohl Herr geworden sei seiner Habsucht und seines Hasses, seiner Selbstsucht und seines Neides und aller anderen sinnlichsten Begierde und Triebe, und in denen er eine reine Freude empfunden, die denn doch weit hinanöging über allen Sinnengcnuß und Sinnentauniel, Stunden, in denen er sich in Wahrheit Mensch gesuhlt habe. Allein zwei Momente sind cs, die dcr Erkcnntniß dieser Thatsache cntgegcnwirkcn und es ermöglichen, daß sie so oft geleugnet wird. Während nämlich die erstere, jene Analogie, den Blicken Aller offen liegt, ist diese, die Grundverschiedenheit, also die Erkcnntniß der sitt-