Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1887)
- Article
- Zum Wiederbeginn der Thora
- Date
- 1887-11-03
- Page
- 691 (sequence 3)
- Language
- German
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691 lichen Freiheit, zunächst eine Thatsache des inneren BewußtseinS. Die Klarheit dieses Bewußtseins aber wird leider vielfach von jenen Stimmen getrübt, die bei den inneren Kämpfen im Menschen laut werden, um ihn zum Aufheben des Kampfes und zur Streckung der Muffen vor den Reizen der Sinnlichkeit zu bc- 11)01011־ Denn sicherlich ist cs bequemer und leichter, diesen Stimmen zu folgen, als sich zu encrgievollcm Kampfe aufzurasfcn und die Palme deS Sieges zu erringen. Da wird denn der Mensch irre an sich, irre an der Göttlichkeit seines Wesens, irre au seiner Bcfähigung, in 'Wahrheit das rein Menschliche in seinem Innern zur Hcrrjchaft kommen zu lassen, und er fragt sich zweifelnd, wer Recht habe, die lehren seiner Kindheit, die zum Ausharren und zu muthigem Kampfe anssordcrn, oder die Sirencnstimmen der Anwälte der Sinnlichkeit in seiner Brus!. Da tönt ihm nun wie eine Erlösung das Osfcnbarungswort seines Schöpfers entgegen: בצלמו בצלם אלקים, ..auch dein Leib ist etwas Höheres als der Leid des Thieres, auch dein Vcib ist von vornherein geschaffen, sich beherrschen zu lassen, du kannst siegen, drum auf zum Kampfe, der Sieg ist dein!" — Und er ist erlöst von seinen Zweifeln und rafft sich ans ans seiner Schlaffheit und arbeitet sich heraus aus den Irrgängcu der Leidenschaft, und es erlöschen dir Flammen, die au seinem Marke zehrten und schon nach s׳inem Haupte züngelten — und er findet die verlorene Reinheit wieder und die Unschuld seiner Kindheit, und die verlorene Entpfänglichkeit wieder und die Begeisterungssähigkeit für Hohes und Edles, die der Adel waren seiner frühen Iüngliugsjahre. Sind cS prähistorische, antcdiluvianische Lebewesen, oder ist cs unsere eigene Natur, in deren Wesen die an der Spitze unserer Betrachtung stehenden Worte der ewigen Wahrheit uns einen Einblick erschließen? M. II. plliiidttckil öhs Dft Schult. Bon Bczirlorabbincr Dr. (i!שן in an 11 in Baden ^Schweiz). ]. Obwohl die Zeiten und Anschauungen vorüber sind, die es für verboten erklärten, aus der Schute zu plaudern, so soll doch für Diejenigen, welche dieses Verbot noch respekiirt wissen wollen, gleich von vornherein gesagt werden, daß cs sich hier nicht um Euthüllung großer Geheimnisse handelt. Es sind praktische Erfahrungen, tägliche Erlebnisse und Versuche auf einem Gebiete, das noch an vielen Stellen ganz brach liegt, ja das noch nicht einmal nach allen Seiten hin völlig abgegrcnzt erscheint. Die jüdische Schule, die Neligionsschule, wie man sie gewöhnlich nennt, ist ja in der Form, in der sic heute besteht, noch kein halbes Jahrhundert alt. Aber sie ist alt genug, um sie nach den Früchten beurtheilcn zu können, die sie in dieser Zeit gezeitigt hat. Nun sind es aber gerade die Gründer und Anwälte der RcligionSschulcn, die heute am lautesten über den Versal! der Religion klagen, und damit das Verfehlte des von ihnen großgezogencn Rcligionsschnlsystcms!!numwunden zugestehen; oder vielmehr nicht zugestehen. Denn dieses Geständnis;, das ihre Klagen doch mittelbar bedeuten, nun auch formell und unverblümt anszusprechen, dazu sind sie zur Zeit noch nicht gelangt. Den homöopathischen Wunderdoktoren gleich, verordnen sie gegen alle Krankheilen ein und dasselbe Mittel: Religion und wieder Religion! Bor zwei, drei Dezennien hieß das Alle und Alles knrircndc Univcrsalmittel: Gottesdienst, vercdclter, geläuterter Gottesdienst. Davon ist cs neuerdingS ganz stille geworden, man verordnet Religion en Woc. Sicher ist Religion das beste Mittel gegen Religionslosigkeit, wie etwa Schlaf das beste gegen Schlaflosigkeit ist; aber wie bekommt man eben Neligiou? Genau so wie den Schlaf. 'Natürlich sind beide am besten, seinen Frommen gicvt sie ja bei־. Himmel im Schlaf, aber wie der künstliche Schlaf der Schlaflosigkeit,, so ist auch künstliche Religion der Neligionslosigkeit vorzuziehcn. Zur Erzeugung des künstlichen Schiass dienen die Opiate, zur Erzeugung künstlichcr Religion dienen ihre Treibhäuser, ihre Neligionsschulen. Wenn also statistisch fcststcht, daß jo und so viele deutsche Gemeinden ohne Religionsunterricht sind, so ist auch ihre Religionslosigkeit ziffernmäßig erwiesen. Nun möge es gestattet sein, auch auf die Kehrfeite dicscö Schlusses die Aufmerksamkeit zu lenken. Hat der Mangel an Ncligi'onsschulm den Mangel an Religion verschuldet, dann muß der Besitz von Neligionsschnlcn auch den Besitz von Religion zu Folge haben. Was ist nun Religion, jüdische Religion? Was ist ihr Kriterium? Wie äußert sie sich, daß man ans Grund ihrer Acußcrungcn. von dieser oder jener Gemeinde sagen kann, sic ist religiös? Menschlichkeit, Ehrlichkeit und Redlichkeit im Handel und Wandel, Gehorsam gegen die Obrigkeit, alle diese und ähnliche Blüthen, welche jede wahrhaft religiöse Gesinnung treibt, sind keine ausschließliche Forderungen der jüdischeu Religion. Auch die Religion des Ehristen und Mnhamedaners stellt diese Postulate und erreicht ihre Erfüllung. Der Jude, der menschlich suhlt und handelt, der ehrlich und redlich im Handel und Wandel, und gehorsam gegen die Obrigkeit ist, hat daher durch