Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 41-42 (20.10.1887)
- Article
- Das römische Ghetto
- Date
- 1887-10-20
- Page
- 659 (sequence 3)
- Language
- German
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65S Wettrennen der Juden zur Karnevalszcit ein geführt, wann sie abgeschafst wurden, so ist diese Auslassung um so ausfälliger, als sie sich ohne große Mühe vcrmeiden ließ. Es war Paul II., ein Vcnetiauer aus dem vornehmen HandelsyauseBarbo, der mit anderen Karnevals- Vergnügungen auch diese ciusührtc. Unter jenen Päpsten des fünfzehnten und des beginnenden sechzehnten Jahr- Hunderts, deren Wesen wie eine Verhöhnung des Begriffes der höchsten kirchlichen Würde erschien, mag man Paul II. getrost in die vordere Reihe stellen. Befleckte er die Tiara auch keineswegs mit den Gräueln, durch dic der Name Alexander Borgia's für alle Zeiten geächtet ist, so zeigte doch das ganze Wesen des einst für den Kaufmannsstand bestimmten Vcnetiancrs, der dann, als sein Onkel m.üttcrlicherscits (als Engen IV.) zum Papst gewählt wurde, in die geistliche Laufbahn cinlrat, und der mm in der Kirche schnell Karriere machte, eine solche Prunklicbc, einen solchen Sinn für Aenßerlichkeitcn, jo war doch dic Sucht, Schätze zu sammeln und dann wieder die Neigung, Geld in Schaustellnngen 1111b öffentlichen Lustbarkeiten zu vergeuden, bei ihm derart ausgeprägt, daß seine Negierung ein erschreckendes Beispiel von der Berwettlichnng und Vcräußerlichnng des Papstthums im fünfzehnten Jahrhundert darbot, ohne daß das Genußleben dieses VenetiancrS von der scinsinnigeu Theiluahme an Kunst und Wissenschaft geadelt wurde, welche über das unkirchliche Wesen und die Ausschrcitungeii des Mcdicäers Leo X. einen versöhnenden und fast verklärenden Schimmer breitet. Das römische Volk, das dem lebenden Papst zujubelte und sich an den Festen, die er veranstaltete, ergötzt hatte, ließ cs sich nach seinem Tode nicht nehmen, daß Pank II. ein Magier gewesen sei, der in die Edelsteine, die er mit wahrer Gier sammelte, Geister zu bannen verstand, und daß einer dieser Geister den 1111־ frommen Papst erwürgt habe. In Wahrheit stecken nur die Geister der Habsucht in diesen schimmernden Juwelen, doch in der Volksseele lehnte sich eine natürliche und gesunde Empfindung gegen die mmatürlichc Erscheinung eines so verweltlichten Papstes auf und aus dieser gestaltete sich das phantastische Märchen von dem bösen Geiste, der den Papst geholt, als eine mittelalierliche Form des Glaubens au eine rächende Nemesis. Dem geschilderten Wesen dieses Paul II. nun entsprach es, daß er dem römischen Karneval das Wesen heidnischer Feste gab, daß er mythologische Umzüge veranstalten ließ, bei denen die Götter und Halbgötter des Olympus wieder ihren Einzug in die Stadt hielten, m denen sich einst ihre Tempel erhoben hatten. Zu größerer Belustigung des Pöbels ließ er denn auch — wie cs in jener Besprechung erwähnt war — Juden halbnackt über den Korso rennen. Der Papst selbst sah von dem Balkons des schönen Palastes San Marco, den er am stude des Korso erbaut hatte und der noch steht — den Namen führt der Palast von dem Schutzheiligen der Vaterstadt Pausts — dem rohen Schauspiele voll Vergnügen zu. Es war im Jahre 1468, als dieses Wettrennen zuerst veranstaltet wurde. Die Sitte, die Juden vorher zu reichlichem Essen zu zwingen, um den Wettlauf zu erschweren, mag später hinzugekommen sein. Genau 200 Jahre dauerte die schnöde Sitte, die Clemens IX. auf Bitten der Juden im Jahre 1668 aufhob. Doch scheint es irrig, wenn Natali anführt, für den Erlaß jener Schmack) Hütten die Juden jährlich 1130 Goldgulden zahlen müsse». Diese Abgabe als Beisteuer zu den Belustigungen des Karnevals mußten sie schon früher trotz des Wettlaufs leisten. Für die Befreiung von dieser Pflicht wurde ihnen dic Zahlung von weiteren 300 Scudi jährlich auferlegt. ES war aber nicht bloS der Pöbel, welcher die Juden quälte. Um die Mitte dcö vorigen Jahrhunderts pflegte ein Marchese dcl Grillo sich damit zn unterhalten, die vorbcigchendeu Juden mit siedendem Wasser zu begießen und sie zum Ziele von allerlei Wurfgeschossen zu machen. Nachdem er diesen Sport einige Zeit betrieben hatte, wurde er vom Gouverneur von Nom vorgeladcn und ihm die Fortsetzung dieser Unter- Haltung verboten; doch wurde ihm gestattet ״zur Zerstrcuung die Juden mit Früchten zu bewerfen," was der edle Marquis sich nicht vergebens gesagt sein ließ. Doch waren es keine Kirschen und Erdbeeren, mit denen er von nun an die Juden bewarf. Daß sich die päpstliche Negierung auch dic Bekehrung der Juden angelegen sein ließ, braucht nicht 'erst gesagt zu werden. In früheren Jahren suchte man die Juden zu überzeugen und bediente sich dazu der Disputationen zwischen jüdischen und christlichen Gelehrten. Da aber letztere mitunter von den Argumenten der Juden in Verlegenheit gesetzt oder in ihren religiöscn Gefühlen verletzt wurden, fand man cs für passender, nur dem christlichen Theile das Argnmentiren zu geftatlen und die Juden zur Nolle der stummen Zuhörer zu verurtheilen. So kamen die Judenprcdigten in Nom auf, zu deren Anhörung dic Juden nach einer Bulle Gregors XIII. vom Jahre 1584 einmal in jeder Woche gezwungen wurden. Jeden Sonnabend wurden alle Juden über zwölf Jahre in eine bestimmte Kirche getrieben und mußten eine mit Beschimpfungen der Juden gespickte Predigt anhorcu, in welcher die Wahrheit der christlichen Religion bewiesen wurde. Sbirren mit Stöcken und Peitschen waren dabei anwesend, um Juden, welche cinschlicfen oder unaufmerksam waren, zum aufmerksamen Hören anzuhaltcn. Man bestand > aber nicht auf der Anwesenheit aller in Nom (ebenden