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Jeschurun · 1887-10-20 · Heft 41-42 (20.10.1887) · p. 658

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 41-42 (20.10.1887)
Article
Das römische Ghetto
Date
1887-10-20
Page
658 (sequence 2)
Language
German
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658 wurde der Palast der Inquisition geplündert und angezündet und die Gefangenen befreit; des Papstes Bildfaule ward vom Postamente gerisien, zerschlagen und der Kopf derselben mit der dreifachen Krone durch die Straßen geschleift. Damals waren die Päpste noch weltliche Herrscher und unbeschränkte Herren Noms, und man konnte sich nicht einmal die Genugthuung vcrschaffen, die Regierung des ״Usurpators״ für diese Szenen verantwortlich zu machen. PiuS V., der Nachfolger Pauls IV., stellte das Gebäude der Inquisition wieder her und vertrieb die! Inden 6uS Bcuevent und Avignon, so daß ihnen im Kirchenstaat nur der Aufenthalt in Nom und Ancona gestattet blieb. Von den späteren Päpsten hat sich nur Leo XII. als besonderer Feind der Juden gezeigt. Ihre Lage blieb mehr als zwei Jahrhunderte ziemlich un< verändert. Auf die kurze Zeit der Freiheit während der französischen Herrschaft folgte die Reaktion im Jahre 1814. Die Juden wurden wieder ins Ghetto getrieben und der Jurisdiktion des Kardinalvikars unterstellt, dessen Kompetenz sich auf Juden, Geistliche, Nonnen und öffentliche Dirnen erstreckte. So wie den Dirnen war es auch den Juden verboten, während des Karnevals maskirt auf dem Korso zu erscheinen und wurden die diesem Verbote Zuwiderhandelnden mit öffentlicher Auspeitschung bestraft. Zn den Päpsten, welche sich den Juden gegenüber einigermaßen gnädig zeigten, rechnet Natali Gregor IX., Nikolaus III., Martin V., Benedict XIV., Clemens XIV. und, was vielleicht am meisten überraschen wird, auch den strengen Sixtus V. Doch spricht die Razzia, welche im Jahre 1753 im ganzen Kirchenstaat gegen jüdische Bücher .veranstaltet wurde, nicht eben für die Indenfrenndlichkeit Benedicts XIV. Nach der im ganzen Buche Natali'S herrschenden Unordnung wird von dieser Razzia ans Seite 76 erzählt, während die Milde Benedicts erst auf Seite 214 erwähnt wird. Was Sixtus X. betrifft, so war es vorzüglich sein Eifer für die Beförderung des Seidenbaues, der den Juden zu gute kam. Er ertheilte einem Juden ein Patent, auf eine Erfindung aus den Seidenwünncrn einen größeren Ertrag zu ziehen, knüpfte aber daran die Bedingung, daß der Jude die Hälfte des RcincrträgnisfcS der Schwester dcS Papstes zukonnncn lassen sollte. Der einzige Papst, welcher die Juden wirklich menschcnsrenndtich behandelte, war Pinö IX., der auch nach der Reaktion.und als ״Gefangener im Vatikan" sich den Juden nicht feindlich zeigte. Als im Jahre 1872 im römischen Gemcinderathe beantragt wurde, die Embleme des Christcnthums aus dem Kirchhof von Campo Varano zu entfernen, sprach der Jude Samuel Matri dagegen, und der Papst, d'cm cS erzählt wurde, sagte hieraus: ״Ich habe es inmut gesagt, daß der Sor Samuele der christlichste unter den römischen Gemeinderathen ist." ׳״׳ Unter diesem Papste wurden zu Ostern des Jahres 1847 zuerst die Mauern, welche das Ghetto cinschtossen, niedergcrisscn, und imf seinen Befehl wurde auch der erniedrigende Huldigungsakt. den die Juden jedes Jahr der Stadt Nom und den! Papste leisten mußten, ganz abgeschafft. Früher mußten die Vertreter der Juden in vorgeschncbcner lächerlicher Tracht vor dem Senator und dem Konservatoren der Stadt erscheinen und mit dcmüthigcn Worten die Huldigung leisten. Einer der Konservatoren versprach ihnen hieraus Schutz und Sicherheit, vorausgesetzt, daß sie den Befehlen der Obrigkeit jederzeit gehorchen und die vorgcschriebenen Judcnstcucrn pünktlich entrichten würden. Dann entließ er sie mit. dem Worte: Marsch! (Andate), das bis zum Anfang dieses Jahrhunderts von der Andeutung eines Fußtrittes begleitet war. Der Aufzug der Judendeputation zum Kapitol in ihrer sonderbaren Tracht gab natürlich den! Pöbel Gelegenheit zu allerlei Neckereien und Hänseleien, von denen die Inden erst im Jahre 1827 befreit wurden, als ihnen auf ihre Bitten gestattet wurde, in gewöhnlicher Tracht zu erscheinen. Den Ucbergang von den mehr komischen zu den rein tragischen Leiden der Juden in Nom bilden die Wettrennen, zu denen sie im Karneval gezwungen wurden und wobei eS ihnen oft viel schlimmer erging, als den Pferden (Barben), welche ebenfalls zur Belustigung des römischen Volkes längs des Korso rennen mußten. Wer einmal selbst ein solches Karnevalsrennen mitangeschen oder auch nur aus der Beschreibung kennt, welche Goethe davon in seiner italienischen Reise giebt, wird sich eine Vorstellung von dem machen können, was die Inden dabei zu leiden hatten; denn wenn auch die armen Pferde hie und da maltraitirt wurden, so galt dies doch nicht für ein so verdienstliches Werk wie die Mißhandlung der Juden. Mit nackter Brust und nackten Beinen mußten acht Juden eine Strecke von nahezu einem Kilometer laufen, und manchmal wurden sic noch vorher gezwungen viel zu essen, damit ihnen das Nennen um so beschwerlicher fallen sollte. Versuchte es einer zu entweichen, so wurde er von den Wachen mit Lanzenstichen zurückgetricben und ein frommer Chronist berichtet mit wahrer Befriedigung wie die Inden einmal bei furchtbarem Unwetter, bei Wind und Regen, ״wie sie cs verdienten", laufen mußten. Dabei erlaubte sich der Pöbel noch allerlei Mißhandlungen der Juden, denen die zahlreichen Strafandrohungeu, welche die Negierung dagegen erließ, nicht Einhalt thun konnten. Kam cs doch vor, daß Leute aus dem Volke aus den Rücken des rennenden Juden stiegen und sich, ihrer als Neitthiere bedienten! Wem! nun der Autor nicht angiebt, wann die

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