Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 41-42 (20.10.1887)
- Article
- Das römische Ghetto
- Date
- 1887-10-20
- Page
- 657 (sequence 1)
- Language
- German
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M 41 tt. 4L 657 Jeschurnn. Das romishe Ghetto. Die Geschichte der Weltstadt Nom hat GregoroviuS in einem großartigen Werke erzählt, in welchem die Ergebnisse gründlicher Forschung in gefälliger, schöner Form dargestellt sind. Innerhalb dieser großen Weltstadt befand sich ein kleineres, nicht viel jüngeres Nom. daö sein Eigenleben in kümmerlicher, bedrückter Weise bis auf unsere Tage fortfiijletc — das Ghetto der Inden, welches nun endlich vom wohlverdienten Schicksal der Dcmolirnng erreicht wurde. Die Geschichte dieses kleinen Rom hat Herr Natali zu schreiben unternvmmen, *) und wie der Fremde, der die ewige Stadt besucht, nachdem er die Prachtgcbände der Kaiser und der Päpste )bewundert hat, auch den schmutzigen und engen Gassen des Ghetto seinen Besuch abslattet und auch von dort nicht ohne Gewinn für sein Wissen und Empfinden scheidet, so lohnt sich auch die Lektüre von Natali's Werk nach der des Grcgorovius'schcn. Sehen wir in dem heidnischen und christlichen Nom daS trotzige, kämpfende, erobernde und tvinmphircude Volk, so finden wir im jüdischen Rom das leidende, besiegte und verfolgte, aber nicht minder tapfere. Einer der eifrigsten modernen Antisemiten hat es gesagt, und cS ist vielleicht die einzige richtige Bemerkung in seinem Buche: Achtzehn Jahrhunderte mit unglaublicher Geduld ertragener Verfolgungen beweisen, Laß, wenn dem Inden auch der Kampfcsmuth fehlt, er doch den Mnth des Widerstandes besitzt." Und cß waren nicht bloö Verfolgungen mit Feuer und Schwert, sondern die manchmal viel schmerzlicher empfundenen Verhöhnungen und Verspottungen, welche die Inden zu erdulden hatten, in manchen halbasiatischen Ländern noch zu erdulden haben; neben der gemaltsamcn Bekehrung, neben der Ermordung und Beraubung durch fanatisirtc beutegierige Pöbclhaufcn — die Vcrlctznng und Entweihung seiner religiösen und nationalen Gefühle, daS Lächerlichmachc» durch aufgezwungene Tracht und erniedrigende Dienstleistungen. In Nom, wie überhaupt in Italien waren die Leiden der Juden mehr von der letzteren, man möchte sich zu sagen versucht fühlen, von der komischen Art, wenn sie nicht für die Betroffenen oft die bittersten tragischsten Folgen gehabt hätten. Massenermordungen und Masscnaustrcibnngcn, wie sie in anderen Ländern oft vorkamcn, haben die jüdischen Bewohner des Kirchenstaats nicht zu erleiden gehabt. Seit den Zeiten des PompcjuS haben Lnnner Juden in Nom gelebt. Sie wohnten, wie das ihre Art ist und wie eS tut Mittel- ז) Ettore Xatali: II Ghetto di Roma, voluine primo. Iloma, Stabilimento üpografcco deli. Tribuna 1887, alter oft auch bei anderen Fremden. der Fall war, meistens in besonderen Gassen — in das Ghetto hat sie aber erst einer der fanatischesten Päpste, Paul IV., eingesperrt. Man duldete die Inden in Nom theilö des EinkommcnS wegen, das man von ihnen zog, theilS als abschreckendes Beispiel, damit die Christen sehen sollten, wie viel die Ungläubigen schon in diesem irdischen Leben zu leiden haben. Dabei befolgte man auch nicht daö andcrSwo beliebte System, einzelne Inden sich bereichern zu lassen, um sich dann mit einen! Griffe ihres Vermögens zu bemächtigen, sondern hielt sie immer so gedrückt, beschränkte sie so sehr in jeden! Erwerb, daß sie nicht zum Wohlstand, geschweige denn zu Neichthum gelangen konnten. Deshalb kamen auch in Nom Plünderungen von Jndcnhänsern seltener vor als in anderen Städten. Ganz ließ sich freilich der Pöbel dieses Vergnügen auch in der ewigen Stadt nicht nehmen, aber er wartete immer eine besondere Gelegenheit dazu ab. So wurden beim Tumult, der die Erinordnng BaSville'S begleitete (13. Jan. 1793), die Judcnhäuscr geplündert, und die Plünderung wurde wiederholt, als die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs XVI. nach Nom kam. Einige Jahre später'') nach Abzug der Franzosen wurden die Inden wieder geplündert, und die Rückkehr des Papstes im Jahre 1815 wurde ebenfalls mit einer kleinen Plünderung geseiert. Im Allgemeinen zeigte cS sich aber, daß die Juden im Kirchenstaat während des Mittelalters viel weniger zu leiden hatten als in späteren Zeiten. So genossen sie z. B. im 14. Jahrhundert in Anagni alle bürgcrlichen und politischen Rechte, von denen sie noch im Jahre 1517 einen großen Theil besaßen. Erst in der zweiten Hülste deö 19. Jahrhunderts wurden sie auf Befehl deö Papstes von dort vertrieben׳'). Die Zeit der Gcgcureforination fachte auch den Judenhaß aufs Ncue an, vielleicht weniger beim römischen Volke als bei den Päpsten. Paul IV., der Papst, von den! der fromme katholische Historiker Mnratori sagt, er habe die Worte des Apostels ״ein Bischof soll weder stolz noch jähzornig sein" nicht genug beherzigt, und von dem ־!׳ ■'־־■■יי־zählt, daß er ״Stunden lang nach Tische bei narzen dicken Vulkanischen Wein von Neapel saß/ ...ul IV., der erbitterte Feind des Hauses Habsburg, dem selbst Kaiser Karl V. und König Philipp 11. nicht genug katholisch waren — war vicllcicht der größte Judenfeind unter den Päpsten. Er machte sich aber bei den katholischen Nötncrn nicht minder als bei den Juden verhaßt. Nach seinem Tode 2) Ambrosi de Kagistris: Lo statuto (li Anagni. Nom 1880. 3) Im Jahre 1798, nicht am 25. Januar!701, wie Natali unrichtig angiebt.