Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 41-42 (20.10.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-10-20
- Page
- 655 (sequence 3)
- Language
- German
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655 jedoch rathen, Dich sofort auf den Weg zu machen, j sie werden vielleicht auf Dich warten."! ״Aber Du darfst Dich nicht lange dort aufhalten,"! sagte Erna eifrig, ״wir warten auf Dich — und ich! bin sehr hungrig," fügte sie lächelnd hinzu. ״Daun muß ich in der Thal eilen," entgegnete er, indem er nach fci»em Hute griff. ״Adieu, meine Erna!" Er zog ihre Hand an seine Lippen. Dann reichte er Müller die Hand. ״Adieu, lieber Nater," sagte er mit leicht bebender Stimme, ״ich darf Sie doch so nennen?" ״Gewiß, mein lieber Sohn," erwiderte Müller, ihn umarmend, ״aber jetzt eile, Erna hat Recht, Du darfst uns nicht zu lange warten lassen." Er mußte aber doch noch einnull Ernas Hand an seine Lippen drücken, dann aber verließ er, ohne sich umznwcnden, raschen Schrittes das Zimmer und rannte die Stiegen hinunter; denn je rascher er jetzt davon eilte, um so eher durste er hoffen, wieder hier zu sein. Seltsam, er hatte Erna bewundert, seit er sie zum ersten Mal bei Nccha gesehen, und hin und wieder war ihm wohl der Gedanke gekommen, wie glücklich Derjenige sein muffe, der dieses holde, geistvolle Mädchen sein nennen dürfe — daß er dieser Glückliche sein werde, das war ihm nie in den Sinn gekommen. — Doch mm, da er wider alles Erwarten dieses nicht einmal erträumte Glück erlangt, nun erschien cs ihm unendlich schwer, auch nur eine halbe Stunde fern von seiner Braut zu weilen. Nasch schritt er die Straße entlang, die zu Fried- Heims Wohnung führte. Was sie wohl sagen würden. Herr und Frau Friedheim, wem! er sie von seinem Glücke bcnachrichtigcn würde? — Sie hatten ihm stets so viel Gutes, so viel Liebes erwiesen, er war überzeugt, sie würden von Hcr;en sich seines Glückes freuen. — 3111 vorhinein freute er sich ihrer Theilnahme und eilte noch rascher weiter. Als er sein Ziel erreicht hatte, klopfte er an die Thür. Das Mädchen, das ihm öffnete, erzählte, daß die Familie längere Zeit auf ihn gewartet habe, sich jetzt jedoch bereits beim Speisen befinde. ״Waschen Sie sich nur gleich, noch bevor Sie ins Zimmer gehen," ricth die Sorgliche. Adolf entsprach nicht dieser Weisung, er begab sich zum Speisezimmer und klopfte an die Thür, und auf das einladende Herein des Hausherrn trat er mit dem gewohnten Sabbathgruß in das Zimmer. ״Ah, Sie sind's," rief Friedheim, ״wo haben Sie denn gesteckt?" — ich war beinahe schon besorgt — eS ist das erste Mal, daß Sie auf sich warten lassen." ״Ich muß sehr um Entschuldigung bitten —" ״Ist nicht nothwendig, waschen Sie sich nur und setzen sich zu Tisch, das Essen wird kalt." ״Ich muß um Entschnldi—" ״Was, zum Knckuk! wollen Sie denn durchaus entschuldigen?" fiel Friedheim lachend ein, ״wir sind ja vollkonnneu überzeugt, daß — Aber, Wollncr, wie sehen Sie ans?" unterbrach er sich selbst. ״Was ist Ihnen passirt? — Nach Ihrem Gesicht zu urtheilen, müssen Sie das große LooS gewonnen haben." ״Mein Gesicht lügt nicht," versetzte Wollner mit leicht vibrirender Stimme, ״nur sagt es zu wenig." ״Reden Sie im Ernst? — das große LooS ist Ihnen zu wenig?" In Wotlners Augen schimmerte es fcucht, er schien reden zu wollen, doch Frau Friedheim, von plötzlicher Ahnung erfaßt, drückte unbemerkt aber heftig die Hand ihres Gatten. Dieser erhob sich hastig, und, die Servielte auf den Tisch werfend, trat er rasch auf den jungen Mann zu. ״Kommen Sie hinein," und zog ihn mit sich in das anstoßende Zimmer. Fest drückte er die Thür ins Schloß. ״Nun," sagte er in gedampftem Ton, ״jetzt sagen Sie mir geschwind, wo haben Sie gesteckt?" ״Herr Müller hat mich beim Heimweg aus der Synagoge getroffen und hat mich ersucht, ihn in seine Wohnung zu begleiten." ״Herr Müller? — was hat denn der von Ihnen wollen?" Adolf aihmete tief auf, sein Antlitz strahlte. ״Er hat —" die Sprache versagte ihm einen Moment, als er sein Glück in Worte kleiden wollte. ״Reden Sie, reden Sie," drängte Friedheim, ״was hat er?" ״Er hat mir die Hand seiner Tochter angetragen," entgegnete Adolf im Flüsterton, indem er nuwilllürlich dem Beispiele seines Chefs folgte. ״Sind Sie bei Sinnen?" stieß Friedheim hervor. Ein. glückseliges Lächeln umspielte die Lippen des jungen Mannes. ״Im ersten Moment habe ich dieselbe Frage an mich gestellt." Friedheim blickte forschend in das glückstrahlende Angesicht seines Kommis. ״Nun? — und Sie?"- ״Ich habe mich soeben verlobt," Ein unartikulirter Laut entfuhr FriedhcimS Lippen, wie vor den Kopf gestoßen prallte er zurück, die widersprechendsten Empsindnngen kämpften in seinem Innern, doch rasch siegte sein besseres Selbst. Er zog den jungen Mann in seine Arme. ״Mein lieber junger Freund — empfangen Sie meinen wärmsten Glückwunsch. — Sie machen ein großes Glück, Ihre Braut ist in jeder Beziehung ein herrliches Mädchen. — Aber Sie verdienen Ihr Glück und ich gönne eS Ihnen von ganzem Herzen."