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Jeschurun · 1887-10-20 · Heft 41-42 (20.10.1887) · p. 654

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 41-42 (20.10.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-10-20
Page
654 (sequence 2)
Language
German
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654 an? oder nehmen Sie ihn nicht an? oder wollen Sie ihn in Erwägung ziehen?" ״In Erwägung ziehen?" Er preßte wiederum die Hand gegen die Stirn, ״ich hätte nur zu erwägen, ob ich den Verstand nicht verlieren würde vor übergroßer Glückseligkeit." ״Wenn Sie weiter nichts zu überlegen haben, dann hole ich meine Tochter," und lächelnd erhob sich Müller und schien im Begriff, das Zimmer zu verlassen, er kam jedoch nochmals zurück. ״Ich sprach soeben von meiner Tochter — ich halte mich jedoch verpflichtet, Ihnen mitzutheilcn, was Erna selbst nicht ahnt und wo möglich auch nie erfahren soll, daß sie nämlich nicht meine leibliche Tochter ist, ich habe sie adoptirt als sie wenige Monate alt war." Er hielt einen Augenblick inne. dann fragte er: ״Nun, soll ich Erna holen?" ״Wenn Sie mich zum glücklichsten Menschen machen wollen," stammelte der junge Mann. In seiner übermächtigen Erregung war er längst anfgestanden, blickte dem sich Entfernenden nach und lauschte mit angehalteuem Athem auf dessen Schritte, a.S wolle er die Stufen zählen, die er zu überschreiten hatte. Jetzt war er unten, Adolf hörte ihn die Thür des ebenerdigen Zimmers öffnen —- und nun — und nun — War es denn wahr? — äffte ihn nicht ein Traum? — Sollte er glauben an ein Glück, von dem zu träumen er bisher als maßlose Ueberhebung betrachtet hatte? Horch! abermals ward unten die Thür geöffnet — und bann hörte er Müllers festen Manncsschritt auf der Stiege. — Und außer Müllers laut schallendem Schritt vernahm er noch einen leichten Schritt, einen kaum hörbaren. Aber in seiner Brust begann es plötzlich zu Hämmern, so schnell, so laut, daß cö den Schall der Schritte ans der Stiege beinahe übertönte — ihm wenigstens schien eS so. Doch plötzlich war cs ihm, als stocke sein Herzschlag, doch um so deutlicher vernahm er die Schritte von außen. — Sie kamen näher — immer näher. — Adolf stand inmitten des Zimmers, die eine Hand scft auf die Brust gepreßt, mit der andern hielt er, wieder Stütze bedürftig, eine Sesscllehne umfaßt. — Er ^glaubte zu träumen, fürchtete jeden Moment zu erwachen und — Da ging die Thür auf, Müller trat ein, an seinem Arme das schönste, liebreizendste Mädchen, cr> glühend in bräutlichem Erröthen. Der junge Mann stieß einen halb unterdrückten Schrei aus und stürzte ihr entgegen, doch was er zu ihr sagte, was sie erwiderte, das wußte weder er noch sie. Er wußte nur, daß er sie Plötzlich in seinen Armen hielt und daß sie ihr schönes Haupt an seine Schulter lehnte und daß ihr Vater gleichzeitig beide an sich drückte und dann seine Hände segnend aus Beider Häupter legte. Es währte eine geraume Zeit, bevor eS zwischen den Ueberglücklichcn zu einer wirklichen Unterhaltung kam, und als sie sich umsahen, fanden sie sich allein, der Vater hatte unbemerkt das Zimmer verlassen. Ueberraschend schnell fanden sich Beide in ihr neues gegenseitiges Verhällniß. Ais Müller nach ungefähr einer Stunde die Thür öffnete, saßen sie nebeneinander, Hand in Hand. Auge in Auge. Doch sobald Erna seiner ansichtig ward, eilte sie auf ihn zu und drückte seine Hände an ihre Lippen. ״Vater! — mein Vater! — wie kann ich Dir danken?" ' ־ Er strich ihr liebkosend das goldige Geringe! aus der klaren weißen Stirn und blickte mit inniger Zärtlichkeit zu ihr hernieder.- ״Sei glücklich, Kind — dann bin ich überreich belohnt. — Aber, lieber Wollner." wandte er sich an den jungen Mann, ״Sie müssen entschuldigen —" ״O, bitte, sagen Sie Du zu mir und Adolf" ״Von Herzen gern. Also, lieber Adolf, Du wirst entschuldigen, wenn ich Dich aufmerksam mache, daß außer uns Dreien keine menschliche Seele eine Ahnung hat von dem freudigen Ereignisse des heutigen Tages. Herr Fricdheim wird nicht wissen, wo Du bleibst — es ist bereits Ein Uhr ■ vorüber." ״Ein Uhr!" rief Adolf erstaunt, ״ich glaubte, cs wäre Elf. — Da muß ich in der That eiten, Frau Fricdheim sieht eS nicht gern, wenn man zu spät zu Tische kommt. ״Heute bist Du selbstverständlich unser Gast," sagte Müller, ״ich wollte Dich nur fragen, ob es Dir recht ist, wenn ich Herrn Friedheim dieses mitthcilen und ihm gleichzeitig Eure Verlobung anzcigen lasse?" Adolf griff nach der Stirn. ״Mir ist noch immer, als wäre eS ein Traum. — O, sage mir, Erna, daß ich wache?" Sic drückte lächelnd seine Hand. ״Fühlst Du das? — Dann mußt Du auch wissen, daß Du nicht träumst." ״Gott segne Euch, Kinder," sagte Müller. ״Also, wie ist'S, soll ich zu Fricdheim schicken?" . ״Sie sind sehr gütig," erwiderte Adolf, ״aber ich glaube, ich muß Herrn Friedheim persönlich die Mittheilung überbringcn — ich schulde ihm so vielen Dank." Müller nickte znstimmend. ״Dann würde ich

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