Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 41-42 (20.10.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-10-20
- Page
- 656 (sequence 4)
- Language
- German
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656 ״Das weiß ich," erwiderte Adolf, ״denn nächst Gott verdanke ich eS nur Ihnen — ohne Sie wäre ich nimmer hierher gekommen — und was Sie seitdem an mir gethan — mir war es ost, als hätte ich in Ihnen nleincn Vater wicdcrgcfunden." Friedheim athmcte tief ans, eS war fast ein Seufzen. ״Ich habe Sie auch wie meinen Sohn betrachtet — und betrachte Sic noch so," fügte er rasch hinzu. ״An meiner,und meiner Frau inniger Theilnahme an Ihrem Glücke zweifeln Sie nicht." ״Ich war im vorhinein davon überzeugt, darum wollte ich auch nicht zugcben, daß Herr Müller Ihnen durch einen Andern die Freudenbotschaft mittheilen lasse, daö wollte ich mir nicht nehmen lassen." Fricdhcim drückte ihm herzlich die Hand? ״Dürfte ich mir jetzt erlauben, Frau Friedheim die Mittheilung zu machen?" fragte Adolf. ״Warten wir damit bis nach dem Essen." sagte Friedheim. ״Sie wissen, wie sehr sich meine Frau für Sie intercssirt; würden Sie sich ihr׳ jetzt als Bräutigam vorstellen, ich bin überzeugt, sic könnte nicht das Geringste mehr genießen." ״Dann werde ich mir später meine Gratulation holen," versetzte Adolf, ״denn augenblicklich mich ich mich empfehlen, meine Braut und ihr Vater erwarten mich zu Tisch." ״Da darf ich Sie freilich nicht zurückhalten. Aber bitte, wollen Sie nicht das Speisezimmer passireu, wollen Sie sich durch diese Thür entfernen. Und wollen Sie vorläufig Ihrer Braut und Ihrem Schwiegervater meine herzlichsten Glückwünsche übermitteln und ihnen in meinen Namen sagen, daß sie keine bessere Wahl hätten treffen können." Wollner ergriff die Hand seines ChesS und drückte sie an seine Lippen. ״Dank! — innigen Dank!" Dann aber empfahl er sich und verließ raschen Schrittes das Zimmer und daö Haus. Sobald sich Friedheim allein sah, senkte sich sein Haupt ans seine Brust und eine tiefe Falte legte sich auf seine Stirn. So stand er einige Augenblicke, — daun aber fuhr er sich ׳mit der Hand über die Stirn und richtete sich stramm auf. ״Garn su le toba," murmelte er. Als er wieder in das Zinuner trat, blickten sammtliche Tischgenosscn mit einer gewissen Neugierde zn ihm empor. ״Wo ist Herr Wollner?" fragte seine Frau, ״kommt er nicht zu Tische?" ״Er läßt um Entschuldigung bitten," erwiderte ihr Gatte, ohne ihren Blick zn begegnen, ״er ist heute anderwärts zn Tische geladen." Frau Friedheim unterdrückte einen Seufzer; sie kannte ihren Gatten und wußte bereits mit Bestimmtheit, daß ihre Ahnung sie nicht betrogen.'' Arme Recha! — Wohl erschien ihr Wollncrs heutiges Benehmen auffallend, doch hatte sie keine Ahn.ling von dem ThaLbestand und plauderte mit den andern jungen Leuten. Daß ihre Mutter hin und wieder mitleidig zu ihr hinüberblickte, bemerkte sie nicht. Wie würde sie diesen ersten schweren Schlag ertragen? — Schwer lag diese Frage den Eltern auf dem Herzen und beide konnten sich nicht ermannen, wie sonst an der Unterhaltung Theil zu nehmen. Nachdem das Tischgebet verrichtet war, zog Friedheim sich in sein Zimmer zurück, um ein Schläfchen zu machen, wie er sich ansdrückte. Seine Frau hatte jedoch gleichzeitig mit ihm das Speisezimmer Verlässen, und wenige Minuten darauf trat sie von einer andern Seite in das Zimmer ihres Mannes, sie wußte, daß er nicht daran dachte, zu schlafen. ״Nun?" fragte sie leise, indem sie sich neben ihn aufs Kanapee setzte. Er zuckte die Achseln. ״DaS Sprichwort hat sich an uns bewahrt, ״besinnt sich der Weise, besinnt sich der Narr auch." Nun ist Wollner allerdings nichts weniger als ein Narr, aber wir haben uns auch nichtsweniger als weise gezeigt. Hätten wir nn vorigen Jahr, als wir die Neigung unserer Necha zu ihm errat Heu, da sofort mit ihm darüber gesprochen, hätten ihm die Verbindung mit unserer Tochter auch׳ nur in Aussicht gestellt, ich bin überzeugt, er wäre nicht daraus cingcgüngen." - ־ ״Auf was nicht?" fragte seine Frau eifrig. ״Auf Müllers Antrag. Er hat sich heute mit Erna Müller verlobt." ״Unerhört!" fUiftcrte Frau Friedheim, indem sic bis auf die Lippen erbleichte, ״eine solche Infamie hatte ich ihm doch nicht zngetraut." Friedheim zuckte schmerzlich lächelnd die Achseln. ״Im ersten Moment hatte ich die nämliche Empfrndüng wie Du, doch schon im zweiten mußte ich mir sagen, daß der wackere junge Mann sich uuö gegenüber auch nicht das Mindeste hat zn Schulden kommen lassen. Wir, nur wir hätten gefehlt, — wenn von Fehlen überhaupt die Nede sein könnte. — Doch auch wir haben nicht gefehlt, wir haben nach unserer besten Einsicht gehandelt, unsere Necha war nicht für ihn bestimmt, deshalb und nur deshalb sollte unser Wunsch nicht in Erfüllung gehen. — Und nun —״ er schlang den Arm um sie und zog sie sanft an sich. ״Nimm Dir die Sache nicht allzu sehr zu Herzen, unsere Necha ist Gottlob die würdige Tochter ihrer Mutter, sie wird mit Gottes Hülfe die Sache bald überwinden." (Fortsetzung folgt.)