Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 40-41 (13.10.1887)
- Article
- Reichstagspräsident Smolka über die Judenfrage
- Date
- 1887-10-13
- Page
- 637 (sequence 5)
- Language
- German
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637 handeln, weil sie ihre nationalen Interessen nie vcr-! schlafen; weil sic überall, wo cs gilt, ihr National-! interesscn zu wahren, stets wie ein Mann dastchcn.! Ist'S bei uns auch so? beider nicht! Meine Herren! ahnten wir den Juden nach, und wir werden kräftig sein, und selbst kräftiger als sie, bcnn ihrer sind Wenige und unser weit mehr. Der geehrte Abgeordnete aus dem Brzezaner Kreise hat ein auf die Donausürstenthüiner Bezug nehmendes Beispiel angeführt, daß. als dort im Frnhllnge dcS laufenden Jahres die Inden beunruhigt wurden, die Journalistik einen Schrei der Entrüstung erhob und eine vielseitige diplomatische Aktion in Szene gesetzt wurde. Der geehrte Abgeordnete sagt dann weiter: Wenn man aber im jenseitigen Polen unsere Brüder noch ärger drückt und martert, sieht sich die Diplomatie zu keiner Aktion bewogen! Darauf antworte ich: Wie schön verhielten sich die Juden bei diesem Vorfälle! Moutesiore eilt in die Moldau, sie setzen alle Trieb׳ federn in Bewegung, um ihren unterdrückten Brüdern zu Hülfe zu kommen. D, möchtenwir doch eS immer so tbun! Und was den. Mangel an diplomatischer Aktion in Bezug auf den Druck unserer Brüder an der Wilia und Weichsel betrifft, so möge der geehrte Abgeordnete dies ans daS Sprichwort beziehen: ״Quod licet .luvi. non licet bovi" — oder polnisch: ״was gegenüber der Diplomatie einem solchen Machthaber, wie es der moSkowitischc Hosjudar ist, erlaubt ist, ist dem walachischcn Fürstlein Karl nicht erlaubt." Es wundert mich auch sehr, daß eben der geehrte Abgeordnete auS dem Brzezaner Bezirke diesen Vorwurf erhob, und daß er begehrt, die Inden mögen zuerst mit der polnischen ׳Nation verschmelzen, woraus sic ihrc Rechte erlangen würden: und eS wundert mich dies deshalb, weil der geehrte Abgeordnete eben zmn j armenischen Stamme gehört, welcher früher abgesondert! exrstirte, und dennoch vollständig mit uns verschmolz j — und warum verschmolz er mir uns so, daß um׳ sie j zu den tüchtigsten Söhnen Polens zählen? Deshalb:! sic hatten nämlich und haben seit Jahrhunderten vollj ständige Gleichberechtigung: wenn aber das nicht.wäre, : waren die Armenier gewiß ebenso wie die Juden bis j zum hcntigeu Tage ein abgesonderter Stamm, und j der geehrte Abgeordnete würde heute vergebens Gleich-! bercchtigung fordern — denn man würde ihm die j Abgesondertheit vorwersen und verlangen, daß die l Armenier früher mit der polnischcn Nation sich vcreinigen inögen. Der geehrte Abgeordnete ans dem Brzezaner Bezirke sagt weiter: Man muß diese Absonderung zwischen den Inden und Polen aufrecht halten, da sie der Vorjchicdenheit dcS NeligionSbekenntuisscS entstannnt. — Als ob das GlandenSbekcnntniß der Maßstab der Bürgerrechte wäre! — Als ob für unsere Brüder an der Weichsel und Wilia daS ReligionSbckcnntniß der Maßstab der Rechte wäre! Als ob man ihnen mit Recht die ihnen gebnhrendtn Rechte deshalb abspräche, weil sie Katholiken und nicht Schismatiker sind. DaS ist ganz dasselbe. Weiter sagt der geehrte Abgeordnete aus dem Brzezaner Kreise: Die Inden entziehen sich dem Militärdicnste, die Blutstcner entrichten sie nicht so wie wir! Ich frage den geehrten Abgeordneten: Wer von uns drängt sich denn zum österreichischen Heere? Wer? Gewiß geht Niemand dahin auS eigenem Willen; wir müssen, daher gehen wir; aber auch wir entziehen uns, wenn wir können. Und daß die Juden sich mehr cntziehen, kommt daher, weil sie vielleicht mehr Geschick dazu haben, übrigens haben sie auch mehr Recht dazu; denn wie kann man von ihnen verlangen, daß sie ihr Blut für ein System vergießen, welches ihnen alle denselben gebührenden Rechte nicht zngestehcn will? Sie also haben ein größeres Recht, sich dem Militärdienste zu entziehen, als wir; denn wir vertheidigen unsere Privilegien, und eS ist schwer, von den Jubele zu fordern, daß sic ihr Blut für unsere Privilegien und ihre Beschränkungen vergießen. Dem geehrten Abgeordneten auS dem Brzezaner Bezirl gefallen auch nicht die Kahale. Ich muß freilich gestehen, daß ich in den jüdischen religiösen 3nftituti011cn nicht so bewandert bin, um gründlich zu bcnrthciicn, was der Kahal sei; aber eS schein! mir, daß dieser eine rein religiöse Institution ist, welche außer den religiösen Angelegenheiten auch andere soziale Fragen und streitige Privatsachew unter den Inden erledigt, wer kann sich darüber beklagen? Ereignet cS sich nicht, daß bei Streitigkeiten zwischen einem Ehristen und einem Inden die Parteien sich cimnüthig auf den Ausspruch des Rabbiners oder des Kahals verlassen? Ich kenne eine Menge solcher Urthcile, ich lveiß, daß man gerecht genrthcilt hat, und daß die Parteien sich freiwillig dem Urt heile unterworfen haben. Gebe Gott, daß auch wir eine solche Institution hätten, an die wir uns in unfern Privatangelegenheiten wenden könnten! Auch bei nnS tonunt dieser Gedanke zum Durchbrnch; eS.finden sich solche, und ich gehöre zu ihnen, welche sehr häufig das SchiedSrichteramt pflegen und Privalsachen eulscheidcn, ו011}(ז«& hat sich darüber bcschwcn. und wild sich gewiß :Niemand beschweren. Würden Sie sich, meine Herren, darüber beklagen, wenn zum Beispiel unser Konsistorium ein solches Vcrtrauen besäße, daß man cs ersuchte, irgend welche Privatangelegenheiten .;u schlichten? Gewiß würde sich Niemand darüber beschweren, und gebe Gott, daß wir es eben so thäien, wie die Illden. daß wir auch ein solches Vertrauen zu unfern Kousistoricu hätten.