Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 40-41 (13.10.1887)
- Article
- Reichstagspräsident Smolka über die Judenfrage
- Date
- 1887-10-13
- Page
- 636 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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636 erhielten, feie Inden immer mehr in jenes Verhältnis!' der geehrte Abgeordnete sagt, daß wir den Juden diese der Absonderung .zwängend, welches noch heute besieht; Rechte bann crthcileu können, wenn sie Polen werden, und in seinen Folgen so schädlich ist.! Aber ich bitte Sic. meine Herren, ich frage, ob es Ich könnte eine Menge solcher Gesetze und Pri-; möglich ist, daß die Inden Polen werden, wenn wir nilegicn zitircn, welche die Könige zu Gunsten der! ihnen Rechte absprcchen, welche man ihnen sogar in Inden erließen, denn fast jeder polnische König bej Wien gegeben hat'? Es verhält sich damit in ganz nötigte ihre früheren Privilegien, sowie auch das Wislicer Statut, diese unsere ״Magna eharta", welches nicht nur die Ration im Allgemeinen, sondern auch die Inden insbesondere betrifft. In dieses Statut ist auch das Privileginnt Volcslaws cinbczogcn, und hat große Vorzüge vor allen andern Privilegien ähnlicher ׳Art, welche die deutschen Kaiser den Inden gegeben, und die immer noch Barbarei athmen, abgesehen davon, daß trotz dieser deutschen Privilegien die Juden in Deutschland nnbarmherzig verfolgt und gemartert lvnrdcn. Alle polnischen Könige, wie gesagt, fast ohne Ausnahme, haben also dieses Wisliecr •Statut, sowie auch die späteren Verordnungen der polnischen Könige bestätigt, welche den Inden unbeschränkte Gleichberechtigung gewährten, wie wir es z. B. in de!;1 vom geehrten Abgeordneten ans dem Jasloer Kreise zitirten, vom König Stefan Balory erlassenen Statut finden. Aber auch in spateren Zeiten, wie z. B. unter der Herrschaft des Königs Johann LII., als die Geistlichkeit das größte Uebergcwicht in Polen hatte, ließen sich die Könige gegenüber den Juden immer von demselben Geiste der Toleranz leiten, da Johann IH., gleich seinen Vorgängcrn, das Wistieer Statut und die späteren den Juden gewährten Privilegien bestätigte, ja, was noch mehr-, der König Johann HL war sogar, wie Sie sich überzeugen können, der Gründer der Synagoge in Zolkicw, wiewohl er einer der frömmsten polnischen Könige war, was ihn durchaus nicht hinderte, daß als die Synagoge in Zolkicw cinstürzte und sie von neuem aufgebant werden sollte, was damals die Synodal- Verordnungen verwehrten, indem sie blos die Reparatur gestalteten — er nicht nur diese Wiederansbanung bewilligte, sondern gewissermaßen ihr Gründer war, denn er befahl, ans seinen eigenen Wäldern und Steinbrnchen das zum Aufbaue der jüdischen Synagoge in Zolkiew nöthige Material geschenkweise ansznsolgen. Erlauben Sie jetzt, meine Herren, daß ich in Kürze die Eimvürse jener Herren beantworte, welche gegen den Komniissioilsautrag gesprochen, inwieweit solche von den früheren Rednern, welch für den Antrag sprachen, nicht widerlegt worden sind. Sv sagte der geehrte Abgeordnete des Großgrundbesitzcs des Brzezaner Wahlkreises (Torosicwiez), daß, wiewohl der Regierungsvorlage Gerechtigkeit nicht abzusprcchen sei, derselben jedoch vorgeworfen werden müsse, daß sie nicht an der Zeit sei. Ich frage nun den geehrten Abgeordneten, wann wird cS an der Zeit sein'? ähnlicher Weise, wie wenn ich unfern Brüdern jenseits der Grenze an der Weichsel und Wilia zumuthen würde, die Russen vorerst zu lieben, da dann die Russen ihnen jene Rechte gewähren werden, welche ihnen gebührcn. Zuerst, meine Herren, muß man gerecht sein, und dann kann man Liebe begehren. Derselbe geehrte Abgeordnete sagt: Die Inden seien schon über -?0 Jahre gleichberechtigt, und sie seien noch nicht Polen geworden. Ich aber sage: So ist eS allerdings, aber es ist dies eben deshalb, weil sic nur in der Theo!ie. aber nicht in der Praxis gleichberechtigt sind, unb eben weil sie in der Theorie schon gleichberechtigt sind, mußte sich in ihren Herzen eine um so größere Bitterkeit gegen uns cinnistcn, als sie wissen, daß man ihnen diese Freiheiten in Wien gegeben hat, und wir sie ihnen in der Praxis absprcchen. Sie werden mid können früher nicht Polen werden, bevor wir ihnen Alles geben, was ihnen gebührt, in dieser Beziehung demnach ist das Recht vollends auf ihrer Seite. Seit Aushebung der Robot sind auch bereits 20 Jahre verflossen, und hängt dieses brave Volk schon so an' uns, wie es sollte, und wie wir es wünschen'? ׳)kein, noch nicht, wiewohl 20 Jahre verstrichen sind und das Landvolk von uns doch nicht verfolgt war! — Andererseits wollen wir uns erinnern, daß die Juden verfolgt waren, und wir werden begreifen, daß sie nicht von Liebe für uns hingerissen sein tömicn, denn die Folgen der Verfolgung übergehen ins Blut, formen den menschlichen Orgrnismns um, mau kann daher nicht fordern, daß Alles in einem Augenblicke sich bessere, was durch Jahrhunderte verdorben wurde, und Generationen müssen noch vornbergehen, ehe die den Juden beigebrachten Wunden gänzlich vernarben. Aber damit sie vernarben, muß mit Gerechtigkeit gegen dieselben angcfangcn werden, und zwar mit einer durch nichts geschmälerten Gerechtigkeit, und dann sage ich Ihnen, meine Herren, werden, wenn nicht die jetzigen Juden, doch gewiß ihre Kinder Polen werden, früher aber verlangen wir dies nicht von den 311 beu, beim wir haben kein Recht dazu. Derselbe geehrte Abgeordnete ist nicht zufrieden, daß die Inden so großen Einfluß haben; aber ich wollte, daß wir auf sie sehen möchten, weshalb sic einen so großen Einfluß haben, und daß wir sie in dieser Beziehung nachahmen. Sic haben Einfluß, weil sie stets auf ihrer Hut sind, weil sic stets solidarisch