Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 40-41 (13.10.1887)
- Article
- Reichstagspräsident Smolka über die Judenfrage
- Date
- 1887-10-13
- Page
- 635 (sequence 3)
- Language
- German
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685 Alle kommen darin überein, daß sie noch zu Zeiten des HeidciithumS kamen, beinahe 100 Jahre vor der Taufe MicczySlawS; sic einigen sich auch darin, daß sie nach Polen aus Deutschland zu jener Zeit kamen, als in Deutschland der crbitterlste Kamps zwischen den Bckenncrn des ״Wodan" und dem auskeimendeu Christenthume wüthctc, welche jedoch sowohl die Einen wie die Andern die wüthcndstcn Verfolger der Juden waren; zu jener Zeit, als über Deutschlands weite Fluren und Gallen das schreckliche.׳ Hcp! Hcp! erschallte, jenes schreckliche Losungswort, welches den unglücklichen Kindern Israels unfehlbare Vernichtung ankündigte. Als die Inden dazumal aus Deutschland flohen, entsendeten sie als Bothschaft ihre ersten Rabbiner, sich an LeSzck wendend; nachdem dieser inmitten seiner Priester durch drei Tage im Tempel gebetet und von den Göttern Weisung begehrte, nahm er sic sogleich gastfreundlich aus und gestattete ihnen freien Aufenthalt aller OrtS, Freiheit der Beschäftigung, vollständigen Rechtsschutz und vollständige Religionsfreiheit. Die ersten Sch.rarcn der Juden kamen sonach auü Deutschlaud nach Polen ungefähr um 800,. und Lelcwel sagt: daß schon dazumal Freiheit und Gastlichkeit die charaltcristischcn Merkmale der polnischen Fürsten und des polnischen Volkes waren. Also schon zu Zeiten dcS HcidenthiunS genossen die Juden in Polen gleiche Rechte und alle Freiheiten; also noch bevor die göttliche Flamme der christlichen *dfbc daS polnische Volk erwärmte, waren die Inden in Polen aller Rechte und Freiheiten lheilhaflig. So, meine Herren, handelte daö heidnische Polen. Und jetzt? — doch davon später! Und welche Folge hatte eine solche Aufnahme der Juden in Polen? Diese, daß schon zn heidnischer Zeit und später in den ersten Jahrhunderten des Christcnrhnmö in Polen die Juden in sozialer und nationaler Beziehung mit der 'Ration verschmolzen, und bloS die religiöse Absonderung beibehielten; hierüber haben wir unumstößliche, urknndlichc Beweise, die jedweden Zweifel auSschlicßcu, daß erst in den späteru Jahrhunderten, als in Polen der Geist der Intoleranz sich zu verbreiten ausiug, die Juden in jene ihre soziale und nationale Absonderung gewaltsam gedrängt wurden, in welcher sie bis zn diesem Augenblicke verharren. llnd daß cS so ist, wie ich gesagt, werde ich Ihnen, wie folgt, beweisen: Reben der königlichen Gewalt und der der Reichstage gelangten zur Bedclltung von Faktoren der Gesetzgebung auch die Synodal- Versammlungen. Die Akten der ersten Krakauer Synode (1160) sind in Verlust gcrathen. Die zweite Synode war die Ofner (1270), welche ihre rechtliche Kraft auch auf Polen anSdehmc, welches Zur Legation des päpstlichen Legalen Philip gehörte, der auf der Ofner Synode den Vorsitz führte. Diese Synode nun erließ einige Konstitutionen, die sich ans die polnischen Juden bezogen, und darunter auch diese, daß, um dem schädlichen Einfluß der Juden auf die Christen zu begegnen, damit man den Juden erkennen und ihn vom Christen unterscheiden könne, der Jude aus der Kleidung, auf der linken Seite an der Brust, ein Zeichen von rothem Tuch angenäht haben solle, während bei anderen Andersgläubigen dieses Zeichen׳ aus gelbem Tuch zn sein hätte. Also schon damals wurde in diesen Konstitutionen gesagt, daß wenn die Inden sich mit den Christen vermengen, mit ihnen umgehen und handeln werden, die Christen sich vor der Sünde nicht werden hüten können und am Glauben Schaden nehmen werden; die Beobachtung dieser Vorschrift wurde daher den Inden unter Strafe des Verbotes dcS Handels, und den Christen unter kirchlichen Strafen befohlen. AuS diesen Synodalvorschriften ist also zu ersehen, daß man den Juden vom Christen weder durch die Kleidung, noch durch die Sprache, noch durch die Sitte unterscheiden konnte, und cS mußte dem Inden erst anbcfohlen werden, sich durch ein Zeichen von rothem Tuche zu unterscheiden, damit man erkennen könne, daß er ein Jude sei. Später vcrordnctcn die Synodalkonstitntioncn sogar, daß die Juden, damit man sic sogleich erkenne, sich so kleiden, wie sie sich im Anfang ihrer Ankunft nach Polen zu kleiden pflegten. Noch spätere Synodalgcsctzc stürzten die Juden in vollständige Absonderung und Abschcidung,. denn cS wurde z. B. verordnet, daß die Christen bei Inden nicht dienen sollen; daß sie jüdische Gesellschaften und Hochzeiten zu meiden haben; daß die Juden abgesondcrt wohnen, und von den Wohnungen der Christen durch eine Mauer, einen Planken oder wenigstens durch einen Graben 11. dergl. abgeschieden sein sollen. Mit Recht hat der geehrte Abgeordnete aus dem Jasloer Kreise (NogawSki) hervorgehoben, daß die polnischen Könige den Juden immer Schutz und große Privilegien gewährt haben, und daß sogar die Reichsrage die Juden in Schutz nahmen, aber er hätte hinzufügen sollen, waS gerade hier entscheidend ist, daß die Inden ungeachtet dieser königlichen Privilegien deshalb bei ihrer Abgesondertheit verblieben, oder vielmehr zu derselben znrückkchrten, weil die Geistlichkeit unausgesetzt und zwar mit Erfolg bestrebt war, die Juden in ihren Rechten zu verkürzen, und dies stets dringender, besonders zu Zeiten der Einführung dcS Jesuitenordens in Polen. Nichtsdestoweniger erließen die polnischen Könige Gesetze, welche die Rechte der Juden in Schutz nahmen, aber sie waren leider in deren Ausführung so schwach, daS die Synodalverorduungcn sich aufrecht