Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 40-41 (13.10.1887)
- Article
- Reichstagspräsident Smolka über die Judenfrage
- Date
- 1887-10-13
- Page
- 634 (sequence 2)
- Language
- German
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634 Einer nitfcrcr Abgeordneten aus dem Iaslocr Kreise hat bereits diese Seite unserer Geschichte und Traditionen hervorgchobcn, aber er that cS nicht in der 2Bcifcr wie sie cS verdient. Man muß eben darlcgcn und gehörig hcrvorhebcn jene freisinnigen, von Licht und Gerechtigkeit umstrahlten Denkmäler der die Inden betreffenden polnischen Gesetzgebung der vergangenen Jahrhunderte, tun nachznwcisen, wie sehr jene Gesetzgebung an Freisinnigkcit, Aufllärung, slaatsmännischcni Verstände und christlicher Liebe, das Niveau der heute in diesem hohen Hause ausgesprochenen Anschauungen und Ansichten überragt. Wenn wir nun unsere Geschichte nud Traditionen schon berührt haben, so möge eS auch mir erlaubt sein, zu dem, was in dieser Beziehung der geehrte Abgeordnete aus dem Iaslocr Kreise und einige Andere bereits vorgebracht, noch das hinzuzusügcn, was diesfalls noch gesagt werden soll. Wenn wir von unserer Geschichte zu sprechen haben, so steigen wir in die ältesten Zeiten hinauf, kehren wir zu jenen Mythen von Popicl und Piast;unuf, und dies deshalb, weil wir eben dort die erste Erwähuung von den Juden finden. Eben schon in jene Mythe siudct sich die Gestalt eines der Söhne Israels verwebt, was Ihnen vielleicht nicht genau bekannt ist, was jedoch die tiefsten. Forscher unserer Geschichte Lelcwel und Andere bestätigt haben — wie dies bis zum heutigen Tage im Munde des Volkes lebt, welches in der Gegend von Krnszwica und am Goplcr See wohnt. Sie kennen, ntciuc Herren, die Mythe von Popicl und seiner Ungastfreundlichkeit für zwei Wanderer, Sic kennen ' auch die Fortsetzung dieser Mythe, d. i. jene, welche den Piast betrifst, der eben diese Himmelsboten ansnimmt und sie freundlich und gastlich mit jenen Speisen und Getränken bewirlhct, welche für die Feier der Haarbeschueidnng seines SohucS Zicmowit vorbereitet worden. Und diese Himmclsbotcn prophezeien ihm znm Danke, daß er und seine Nachkommen die höchste Würde im Lande erreichen werden. Nicht so genau vielleicht wissen Sie, meine Herren, den weitern Verlaus dieser Sage, wie solche ihre Beslätigung fand, und noch heute unverfälscht im Munde des Volkes in der Gegend von KrnSzwiea und des Goptcr Sees lebt, trotzdem daß die Geistlichkeit die Spuren der Gestalt jenes in diese Volkssage verflocht teueu Sohnes Israels zu verwischen bestrebt war. Das Weitere dieser Mythe lautet: Als die Mäuse den Popicl in seinem Thnrme am See ausgesrcsscn (Heiterkeit)'), da traten die Aeltcstcn des Volkes zusammcn und bericthen über die Wahl eines Königs; sic konnten sich nicht einigen, denn cs waren der Würdigen Viele; da sagte der Aelteste von ihnen: ״Die Götter mögen uns zeigen, wen wir wählen'sotten; wer morgen der Erste in die Stadt komnicn wird, der möge unser König sein." Sie warteten also und erblickten den Ersten, der in die Stadt kam; cs war dies ein Sohn Israels, Abraham genannt, welcher in der Gegend von Krnszwica lebte und von Allen geachtet war; sie freuen sich und rufen ihn znm Könige ans; er aber sagt: ״Nein. — Gebt mir Zeit, ich muß nrich bedenken, ich muß zu Gott beten, und ihn bitten, mich zu bekehren, ob ich die Wahl annehmcn solle und könne, oder nicht." Zugleich gab er den strengen Befehl, ihn nicht zu stören, sondern zu warten, bis er erscheinen werde. Sie warteten und es verflossen zwei Tage, sic warteten auch den dritten Tag, und er zeigte sich nicht, da sprach Piast: ״So kann cS nicht sein, das Volk kann nicht länger ohne König bleiben;" — hierauf ergreift er ein Beil und eilt zur Wohnung des Abraham, da tritt Abraham heraus und sagt: ״Nehmt den Piast zum König, er hat Verstand, da er erkannte, daß das Land lange ohne König nicht bleiben könne, er ist tapfer und hat Much, denn um W Vaterland zu retten, hat er sogar meinem Befehle nicht gehorcht.״ Und man rief den Piast zum König aus. Es entsteht die Frage, ob diese Sage irgend eine historische Grundlage habe? ES wurden drei sehr alte Münzen gefunden, und zwar eben in der Gegend von Krnszwica. Die berühmtesten polnischen Numismatiker und Geschichtsschreiber Strouezynski, Raczyusti, Mikocki und Lelcwel bezeugen, daß man diesen Münzen die Kennzeichen der Glaubwürdigkeit und Originalität nicht absprechen könne. Diese drei Münzen haben hebräische Inschriften, die jener Sage entsprechen; ״Abraham erster Fürst" u. d. g., dies kann wohl seinen Grund anch darin haben, daß, wie dies geschichtlich nachgewiesen ist. zu Zeiten der Micczyslaw schon die Münz- Prägung den Inden in Pacht überlassen war, weshalb dies wohl anch früher so gewesen sein konnte, aber darum handelt cs sich nicht; jedoch ist cS immerhin sehr bedeutungsvoll, cs bleibt immer ein ungewöhnlich interessantes Faktum, daß nach der Volkstradition man darin gar nichts Absonderliches und Abstoßendes erblickte, daß ein Jude König des polnischen Volkes war, da die Mythe besagt, daß Abraham freudig begrüßt und zum König ansgeruscn wurde. Wenn wir von den Mythen zu den fonftatirtcn historischen Fakten übergehen, die sich auf die Ankunft der Inden in Großpolen beziehen, so unterscheiden sich die Forscher unserer Geschichte, wie NaruSzewiez, Ezacki, Szachnocha bloS darin, daß die Einen behaupten, die Inden wären im 8., andere, daß sie in! 9. oder sogar erst im 10. Jahrhundert nach Polen gekommen, aber Gin Landtagsabgeordneter heißt Popicl.