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Jeschurun · 1887-10-13 · Heft 40-41 (13.10.1887) · p. 633

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 40-41 (13.10.1887)
Article
Reichstagspräsident Smolka über die Judenfrage
Date
1887-10-13
Page
633 (sequence 1)
Language
German
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M 40 u. 41« 633 Jeschurmr. Aü'iüjsillgsjiräDkllt Smolltö iilirr die IudM'llgk. 3m Jahre 1866 hatte sich dev Galigsche Landtag mit einer Vorlage der Regierung zu beschäftigen, welche die Aushebung der in der galizischeri Gesetzgebung enthalteuen, mit dem SlaatSgnmdgei'etze vom ^!.Dezember 1607 über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger nicht im Einklänge stehenden Beschränkungen der Juden in der Theitnahmean der Gemeindevertretung zum Inhalt halte. Die zur Prüfung dieser Vorlage eingesetzte Kommission beschloß, die Annahme dieser Vortage zu empfehlen und bestellte den Abgeordnttcn Dr. Franz Smolka zu ihrem Berichterstatter. 3u der Sitzung des Landtags vom 30. September 1806 ward diese Vorlage zur nochmaligen Beraihung an den KonstitntionSansschnß verwiesen und sodann in der Sitzung vom 6. Oktober 1SG8 säst einstimmig angenommen. 3n den Debatten dieser beiden Landtagssitzungen nimmt die Rede des Abgeordneten Smolka eine hervorragende Stelle ein. Dieselbe ist sowohl durch ihren Inhalt an sich im hohen Grade interessant, nuc auch namentlich durch die bedeutende Stellung, welche der Redner als Präsident des österreichischen Reichstags eiunimmt. Außerdem gewährt sie eine iehr instruktive Uebersicht über die Geschichte der polnischen Ilidcn linD berührt Verhältnisse, die auch heute noch leider zur Diskussion stehen. Eine Mittheilnng derselben ist darum gewiß recht zeitgemäß. Der Vorstand der Lcmbergev israelitischen Gemeindc hat seinerzeit die erwähnten Debatten anS dem Polnischen der amtlichen stenographischen Protokolle durch den Drnek verbreiten lassen. Dieser Veröffcnt׳ tichnng ist daS Folgende entnommen: l)r. Smolka wandte sie am 30. September 1808 gegen die Gegner der Vorlage: ״Ich gestehe, daß mich die heutige Verhandlung lies betrübt hat, besonders, da alle Stimmen gegen den KommissionSantrag bloß von dieser Seite dcS hohen Dauses (er deutet ans die Vinte) kamen. Hätten dies noch diejenigen geehrten Abgeordneten gethan, welche durch Verhältnisse unö Umstände, die 0011 ihnen nicht abhingen, noch nicht auf der Höhe der Wissenschuft und modernen Kultur stehen — hätten diese, sage ich, ihre Stimme gegen den KommissionSantrag erhoben, so hätte ich mich nicht gewundert: aber daß es gerade Stimmen derjenigen Abgeordnete sind, die schon auf dieser Höhe stehen, und dennoch fordern, daß einem T heile unserer Gesellschaft Rechte ab gesprochen werden, die ihm, abgesehen vom Gesetze, vor Gott und der Gerechtigkeit gebühren, das, gestehe ich, bej greife ich nicht — und dieses, meine Herren, ist sehr! traurig. (Bravo.)! - Meine Herren! heute ist nicht mehr die 'Rede j davon, ob Derjenige, iveicher sich zu dieser oder jener! Religion bekennt, ans den Rechtsschutz, auf Gleich-! berechtigung Anspruch hat; denn die große europäische 'j Völkcrsainilie strebt nicht mehr nach Bejchränkung der! Andersgläubigen, sondern gerade nach Freiheit, nach ' Hinwegräumung aller Beschränkungen, damit alle die-; jenigen, die noch ähnliche Beschränkungen erdulden, ihre Kräfte frei ans bilden und hierdurch zum allgemeinen : Fortschritt beitragen können, i Politiker, Historiker, Nationalökonomen, Dichter,! Philosophen, Alle streben darnach, damit der Same j der Wahrheit, Aujklärung und Gerechtigkeit in allen ן Enden der Welt anSgestrenet werde; aber sie Hetzen : nicht mehr die Einen gegen die Andern, sondern sic! verkündigen Toleranz und allgemeine Gleichberechtigung,! sie untersuchen die Quelle deS Nebels in der Ver-; gangcnheit, um dasselbe in der Gegenwart zu beseitigen j 1׳.״.d der Zukunft die Bahnen zu weisen, aus denen! fortschreitend die Ziele der Zivilisation, die höchsten! Ziele der Menschheit erreicht werden! Daher ist auch der wahre Maßstab der Zivilisation die Gesetzgebung und daS Verhalten einer Nation Andersgläubigen gegenüber, nicht nur in Bezug auf die Gleichberechtiguug in GlcnibenSangclegenheiten, sondern auch rücksichtlich ihres politischen Gleichstellung. Die Inden, die einen so wichtigen Theil unserer Gesellschaft bilden, die seit Jahrhunderten mit uns Freud und Leid getheilt haben, brauchen heute nicht zu verlangen, daß iene Grundsätze der vollen Gleichberechtigung ihnen in der Theorie zuerkannt werden, wie cs! der geehrte Abgeordnete anS dem Brzezaner Kreise! (Torosicwicz) wünscht; denn in der Theorie besitzen sie bereits diese Rechne; — Wien hat sie ihnen zuerkannt, aber cs geht ihnen darum, diese Theorie in der Praxis angciveiidet, iuS Leben eiugefühvt zu sehen, es handelt sich darum, daß alle Besonderheiten beseitigt werden, die sie noch von der 'Nation trennen, und die ihre Quelle!!!! schmerzvollen Buche ihrer Erinnerungen, in der Vergangenheit haben. Sie, meine Herren, berufen sich so gern ans unsere Geschichte, auf unsere Tradilioucn, und aus dieser Grund׳- läge forderten Sie auch in der an Sejne Majestät diese Tage geriehtelcu Adresse die Zuerkeunung unserer 'Rechte — und mit Recht — aber wenn Ihr, meine Herren, eben aus dieser Grundlage, d. i. aus der Grundläge unserer Geschichte und Traditionen, den Juden die ihnen gebührenden Rechte abspcechen!vollct, so sage ich Euch, daß Ihr sehr schlecht in unserer Geschichte leset, daß Ihr sehr falsch unsere Traditionen anssasset.

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