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Jeschurun · 1887-10-13 · Heft 40-41 (13.10.1887) · p. 631

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 40-41 (13.10.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-10-13
Page
631 (sequence 3)
Language
German
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681 Wolf!ant einige Schritte näher, Friedheim deutete auf einen Sessel. ״Setzen Sie sich." ״Sie wissen," begann Fried heim, nachdem sich der junge Mann ihm gegenüber niedergelassen, ״Ihr Vater ist mein bester Freund. Auf seinen Wunsch habe ich Sie in mein Geschäft und in mein HauS genommen und habe Ihrem Vater versprochen, über Sic zu wachen, als wären Sic mein eigener Sohn." ״Wofür ich mich aufrichtig verpflichtet fühle," sagte Wolf, sich verneigend, aber Fricdhcim schien cö, als läge ein leiser Hohn in diesen Worten. Ohne diesen jedoch zu beachten, fuhr er fort. ״Ob Sie sich mir verpflichtet fühlen, weiß ich nicht; ich aber fühle mich verpflichtet, Sie aufmerksam zu machen, daß der Verkehr mit Ihrem Verwandten Anton Kaiser höchst ungeeignet ist; Kaiser ist kein paffender Umgang für Sie." ״Anton Kaiser ist ein Cousin meiner Mutter," entgegnete Wolf, ״und wenn er auch kein reicher Mann ist, so sehe ich doch nicht ein —" ״Daß Sie aus diesem Grunde den Verkehr mit ihm meiden sollten. Darin haben Sie vollkommen Recht, und es nlacht Ihnen sogar Ehre, daß die Armnth Ihrer Verwandten Ihnen nicht als Grund erscheint, sich fern von denselben zu halten. Anton Kaiser ist jedoch nicht nur kein reicher Mann, er ist nicht einmal ein anständiger Mann." ״Kein anständiger Mann? — der Cousin meiner Mutter? — das kann ich doch nicht zugcbcn." ״Ob Sie cS zugeben wollen oder nicht, das bleibt sich vollständig gleich, Thatsache ist eS. — Und wenn er auch ein Cousin Ihrer Mutter ist, muß ich dennoch daraus bestehen, daß Sic sich des Umganges mit ihn! enthalten." Der junge Manu wechselte die Farbe. ״Ich kann mir in dieser Beziehung keinen Zwang auferlcgcn lassen," sagte er, den Kops znrückwersend, ״mir ist nichts Unehrenhaftes von Kaiser bekannt." ״Aber mir desto mehr," entgegnete Fricdhcim erregt, die freche Haltung des Sohnes seines Freundes brachte sein Blut in Wallung. ״Anton Kaiser Übertritt nicht nur die speziell jüdischen Gebote, er kümmert sich ebenso wenig um die Satzungen der Sitte und der Moral und darum gestatte ich keinem meiner Haus׳ genossen den Umgang mit ihm. Merken Sie sich daS. Wer meinem Verbot zuwiderhaudelt, ist entlasse» ----- daS will ich Ihnen gesagt haben." Zeh 1r 1 es Kapitel.' Vierzehn Tage waren verstrichen. ErnaS Vater war von seiner Reise znrückgenommcn und hatte, wie gewöhnlich bei seiner Heimkehr, daS junge Mädchen auf's Reichste beschenkt. Ihren Fragen nach dem Erfolg seiner Erkundigung war er jedoch auSgewichen und darum hatte sie keine rechte Freude an den schönen Gaben. Es war am Sabbath, der Gottesdienst in der Synagoge war zu Ende; die Besucher derselben machten sich raschen Schrittes auf den Heimweg, denn ein heftiges Schneegestöber machte den Aufenthalt im Freien höchst unangenehm. Auch Adolf Wollncr hatte den Kragen seines PalctotS in die Höhe geschoben und schritt rasch die Straße entlang, die zu der Wohnung seines Chefs führte, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter fühlte. Er blieb stehen und wandte sich um, und war überrascht, den angesehensten Mann -er Gemeinde vor sich zu sehen. Hastig griff er an seinen Hut und verneigte sich. Der Andere erwiderte freundlich seinen Gruß. ״Guten Südbath, Herr Wollncr. Sie nehmen eS doch nicht übel, daß ich Sie auf der Straße überfalle?" ״O, bitte sehr, Herr Müller." ״Kommen Sie, kommen Sic, lassen Sie uns nicht stehen bleiben bei diesem Wetter." Er schob bei diesen Worten seinen Arm in den deö jungen Mannes und zog ihn mit sich fort. ״Ich hoffe, Sie haben ein Vicrtelstündchcn für mich übrig und begleiten mich in meine Wohnung." Wollncr verneigte sich zuftimmend. ״Wenn ich Ihnen in irgend welcher Beziehung dienen kann, n׳.it den! größten Vergnügen." ״So lassen Sie uns eilen, daS Wetter ist abscheulich, der Winter scheint uns einen ernsten Denkzettcl zurücklasscn zu wollen." Sie mußten um eine Straßenecke biegen, und nun trieb ein starker Nordwind die Schneslocken ihnen ins Gesicht und machte eine lebhafte Unterhaltung geradezu unmöglich. Sie wechselten nur wenige Worte und eilten raschen Schrittes Müllers Wohnung zu, die sie auch bald erreichten. Wollncr hatte sie noch nie detreten, Müller wollte ihn vorauögehcn lassen, er aber trat bescheiden zurück. ״Sic haben Recht," sagte Müller, ״ich muß Ihnen doch dm Weg zeigen. Also bitte, kommen Sic hinauf." Er schritt aus die gegenüber liegende Stiege zu, Adolf folgte ihm. Als sic sich ungefähr auf der Mitte der Stiege befanden, ward im Erdgeschoß die Thür geöffnet, unwillkürlich wandte sich Adolf mu und erblickte die Tochter des Hauses, die mit unverhohlener Verwunderung zu ihm cmporschaute. Er zog den Hut, aber daS junge Mädchen dankte ihm nicht, denn sie hatte sich bereits wieder zurückgezogen. Als sie das obere Stockwerk erreicht hatten, geleitete Müller seinen Gast in ein Zimmer, bat ihn, die feuchten Oberkleider abzulcgen nud sich dann niederzulassen und ihn für wenige Minuten zu entschuldigen, er werde sogleich wieder bei ihm sein. Wollncr entsprach der Aufforderung, er Legte Hut

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