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Jeschurun · 1887-10-13 · Heft 40-41 (13.10.1887) · p. 632

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 40-41 (13.10.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-10-13
Page
632 (sequence 4)
Language
German
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632 und Paletot ab und musterte daun neugierigen Blickes den 9?aum, in dem er sich befand, indem er überlegte, waS wohl der reiche HaudlungSherr init dem armen Kommis zu verhandeln habe. Er kannte ihn zwar seitdem er bei Friedheim im Geschäft war, hatte ihn anch häufig gegrüßt und einige Mat im ׳Aufträge seines Chefs eine Bestellung an ihn auSgerichtet, doch Alles in Allem hatte er noch keine Viertelstunde lang mit ihm gesprochen. WaS mochte er von ihm wollen? Das Zimmer, mit einfacher Eleganz niöblirt, war offenbar das Arbeitszimmer deS Hausherrn. An der J Seitcnwand, rechts vom Fenster, stand ein reichgcschr.itztcr Schreibtisch und über demselben an der Wand hing ein herrliches Oelgemälde, eine junge schöne Frau darstellend mit dunkeln Haaren und großen dunkeln Augen. Es war Müllers verstorbene Gattin. Unter dem Oelgcmälde befand sich ErnaS Photographie. Sinnend blickte Adolf ׳hinüber ans daS wohlgetroffene Bild des jungen Mädchens. Wie war sic so schön, so wunderbar schön. — Doch seltsam, nicht ein Zug ihres lieblichen Gesichtes erinnerte an ihre Mutter, die doch anch eine seltene Schönheit gewesen, und anch mit ihrem Vater hatte sie nicht die entferntcste Aehulichkeit. Adolfs Blick hing noch immer an dein Bilde, wie mit magnetischer Kraft zog cS ihn an, er war so versunken im Schauen, daß er nicht bemerkte, daß die Thür aufgegangen und Müller wieder in daS. Zimmer getreten war. Ein kacheln erhellte daS ansdrnckSvollc - Angesicht des Eingelrctencn, als er den jungen Mann vor dem Bilde gewahrte. ..Ein schönes Bild." sagte er, zu ihm tretend, ״finden Sie cS nicht sehr getroffen?" Wollncr fuhr zusammen, als wäre er ans unrechter That ertappt. .,Ausgezeichnet getroffen," sagte er,- indem dunkle Glnth sein Antlitz überzog. ״Erna hat mich zu meinem Geburtstage damit überrascht," sagte Müller, ״es hat mich sehr gefreut, denn cs ist das erste gute Bild, das ich von ihr habe. — Doch nun, bitte, setzen Sic sich. — Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Sie allein gelassen habe, aber cS liegt mir daran, daß wir nicht gestört werden, darum mußte ich meinen Leuten mittheilcn, daß ich für Niemanden zu Hanse bin." Er hatte dem jungen Manne einen Sessel gereicht und sich selbst ihm gegenüber niedergelassen. Einige Augenblicke schwiegen beide, dann begann Müller abermals. ״Sie werden cS sehr ausfallend finden, daß ich Sic um diese Urrtcrredung ersucht habe." ״O, bitte." ״Sie müssen eS auffallend finden, denn cS ist durchaus nicht gewöhnlich, daß — daß —״ Er stockte abermals. ״ES kommt mir höchst selten vor, vielleicht niemalS, daß die Betreffenden in derartiger Angelegenheit persönlich mit einander unterhandeln — indessen — cS lag mir sehr daran, jeden Vermittler fern zu halten." Mil zunehmender Spannung lauschte der junge Mann Müllers Worten, nach abermaliger kurzer Pause fuhr dieser fort. ״Ich habe mit meiner seligen grau fünfzehn Jahre in glücklichster Ehe gelebt, habe noch heute, nach viertehalb Jahren, ihren Verlust nicht verschmerzt — trotzdem wäre ich vermnthlich längst nicht mehr Wittwer, denn eine religioSSgesctzliche Vorschrift gebietet dem Manne, der im Stande ist, eine Familie zu erhallen, ein Haus zu gründen — und wenn cS gestört ist, soll er cS znm andern Male gründen. — Aber in ihrer letzten Stunde hat meine selige Frau mir das Bersprechen abgenommcn, Erna keine Stiefmutter zu geben — d. h. so lange mit meiner Siederverheirathung zu warten, bis ich Erna einem wackcrn Manne vermählt. — ES war vielleicht nicht ganz Recht, ein derartiges Versprechen zu geben, doch hätte ich'S der Sterbenden verweigern können?" Mit wachsendem Staunen blickte Adolf zu ihm hinützer. — WaS erzählte der seltsame Mann ihm da? — waS konnte er von ihm wollen? Müller fuhr fort. ,.Es ist dieses jedoch mit ein Grund, vielleicht der Hauptgrund, weshalb ich trotz ErnaS Jugend bereits daran denke, sie demnächst einem braven Manne zu vermalen. Sic hat zwar vor kaum drei Monaten erst ihr siebzehntes Jahr vollendet, aber sie ist in jeder Beziehung ihrem Alter voraus. — Erna hat ein nicht unbedeutendes selbständiges Bermögen — als meine Erbin kann ich sie jedoch nicht bezeichnen, eben weil iri) mich, wie bereits erwähnt, verpflichtet halte, mich wieder zu vcrheirathen — ich beabsichtige jedoch, ihren Gatten in mein Geschäft, zu nehmen — ihm einen gewissen Antheil an den,selben zu geben — so daß die jungen Leute — so weit Menschen urtheileu können, sorgenlos in die Zukunft blicken könnten." Abermals hielt er inne. Der junge Mann saß da wie gebannt, er wagte kaum zu athmen. ״Sie kennen Erna," hob Müller nach kurzer Panse von Neuem an, ״könnten Sie — würden Sie — das heißt — ich meine —״ fuhr sich mit der Hand über die Stirn und lachte kurz und gezwungen. (Fortsetzung folgt.)

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