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Jeschurun · 1887-10-13 · Heft 40-41 (13.10.1887) · p. 630

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 40-41 (13.10.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-10-13
Page
630 (sequence 2)
Language
German
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630 .,Was könnte er mir tfjun?" erwiderte Erna, ״er | belästigt mich. Neu!ich hat er sich erlaubt, mir zu ן sagen, daß er sich sehr gewundert hatte, mich in eurem j Hanse zn sehen, da er mich für eine Nichtjüdin ge- ן halten habe. Und weil ich es nicht der Mühe werth; gehalten habe, auf diese geistvolle Bemerkung etwas zu erwidern, hat er geglaubt, ich hätte sie nicht gehört, Hub hat sie mir Tags darauf durch unsere alte Mirjam wiederholen lassen, und dieweil aller guten Dinge drei sind, hat er dasselbe auch zn nnscrm Hausknecht, dem Janker! gesagt und hat sich erlaubt, den treuen Burschcn ausforschen zu wollen, wohin ich gehe, was ich zu dieser Zeit thue, was zu .jener u. s. w. u. s. w." ״Das ist allerdings eine Frechheit. Wenn Du willst, sage ich es Papa, und wird Papa ihm dergleichen verbieten." ״Ach nein, das mochte ich nicht, das wäre §n viel Ehre für den Narren, daß man ihn bei seinem Chef verklagt. Mein Vater wird mir schon Nutze schassen. Und übrigens ist eS möglich, daß ihm von selbst die Lust vergehen wird, ich thue wenigstens.mein Möglichstes, ihn in die ihm gebührenden Schranken znrückzuwcisen." ״Das ist wahr," sagte Recha lächelnd, ״so schloss, wie gegen ihn, habe ich Dich noch gegen Keinen gesehen." ״Es hat sich auch noch Keiner derartige Frechheitcn gegen mich erlaubt. Denke Dir — das heißt, mit Bestimmtheit kann ich freilich nicht behaupten, daß cs von ihm war — aber ich wüßte nicht, von wem es denn sein könnte —״ ״Was? — von waS sprichst Du?" ״Bon einem Blumenstrauß — cs waren werthvolle Rosen und Maiglöckchen. In dieser Jahreszeit müssen die Blumen ein Kapital gekostet haben. Hat er so viel Geld wegzuwerfen?" ״Seine Eltern sind vermögende Leute. Aber daß er sich erlaubt hätte, Dir Blumen yi schicken, das kann ich mir doch kaum denken." ״Heute Morgen habe ich meinen Bater zur Bahu begleitet: als ich heimkam, lag in meinem Zimmer auf meinem Arbeitstischchcn das erwähnte Bouquet. Anfangs war ich erfreut über die prachtvollen Blumen; Rosen und Maiglöckchen sind meine Lieblingsblumen; ich dachte, mein Vater habe mir eine Freude machen wollen und habe durch einen miferer Leute den Strauß besorgen lassen. Aber ich fragte alle, keiner wußte etwas davon, und als ich dann die Blumen näher in Augenschein nahm, fiel ein Papierstrcifcn heraus, auf dem mir kühner Männerschrift einige Zeilen geschricden waren." .,WaS enthielten sie?" fragte Recha eifrig. Erna zog abermals die Brauen zusammen. ״Eine Frechheit, eine unerhörte Frechheit. — Die Schönste der Schönen wolle huldvoll diese Liebesgabe annehmen von ihrem wärmsten Verehrer." ״Das ist in der That eine Frechheit sonder Gleichen. Aber daß der junge Wolf sic sich hätte zu Schulden kommen lassen —" sie schüttelte den Kops, ״das halte ich nicht für wahrscheinlich. — WaS hast Du mit den Blumen gethan?" ״WaS hätte ich damit thuu sollen? — ich habe sie ans dem Fenster geworfen." ״Das war allerdings das Beste, waS Du damit thun konntest; wenn der Freche durch eure Straße gegangen ist, hat er wenigstens sehen können, wie die Schönste der Schönen seine Huldigung cntgcgennimmt." Erna kräuselte die Purpurlippcu. ״Elender Lasse." ״Du incinft den jungen Wolf? — ich versichere Dich, Du thust ihm Unrecht, die Blumen hat er Dir nicht geschickt." ״Aber wer hätte cs denn gethan? in jüngster Zeit hat mich kein Anderer als er belästigt." ״Und trotzdem halte ich mich überzeugt, daß er cs nicht war.. Hast Du den Zettel noch?" ״Wo denkst Du hin! den habe ich sofort in den Ofen geworfen. Aber wenn ich seine Handschrift scheu würde — er arbeitet doch auch, wie ich glaube, auf eurem Konitor, da könntest Du mir vielleicht eine Probe seiner Schrift verschaffen —" ״Nichts leichter als das, warte nur bis übermorgen, Du wirst Dich überzeugen, daß ich Recht habe." ״Das wäre 'mir doppelt unangenehm," eutgegnete Erna unmuthig lachend, ״einmal weil ich lieber Recht hätte, und zweitens weil ich dann aunchmen müßte, daß ich mich gegen zwei Narren zu wehren habe." ־# Es war in den Morgenstunden des folgenden Tages, die Familie hatte eben daS Frühstück eingenommen, als Friedheiin sich erhob und einem seiner jungen Leute ein Buch reichte. ״Wollen Sie die Güte haben, Herr Wolf, dieses hinüber in mein Zimmer zn bringen." Wolf entsprach der ihm gewordenen Aufforderung, er trug das Buch hinüber in das Zimmer seines Chefs, doch als er sich dann entfernen wollte, trat ihm dieser entgegen. ״Bleiben Sie noch einen Augenblick, ich möchte etwas mit Ihnen reden." Er ließ sich in seinen Lehnsessel nieder; der junge Mann, der die Thürklinkc bereits in der Hand hatte, wandte sich zn ihm, ohne jedoch die Klinke aus der Hand zn lassen." ״Wollen Sie doch etwas näher kommen, wenn Sie dort an der Thüre stehen, müßte ich zn laut sprechen, das liebe ich nicht."

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