Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 40-41 (13.10.1887)
- Article
- Wucherische Ausbeutung des Landmanns
- Date
- 1887-10-13
- Page
- 626 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932795-2936864--26167-2936930- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
626 lichkcit geschleudert werden, um eine ganze Klasse von Geschästslcnlen zu hinterlistigen, betrügerischen Hallnnkcn zu stempeln. Der Bericht des Lehrer Schar dt zu Eppenard für den Negicrungsbezirk Wiesbaden erkenntז) ai& Ursachen des Rückganges der bäuerlichen Wohlstands- Verhältnisse: ״das Erbrecht, die Parzelliruug, die Dreifcldcrwirthschast, ungenügende Bildung und allgemeine Unwirthschafllichlcit." Man bedarf des Geldlcihers, der schlechthin in diesem Berichte ein Wucherer ist und;war in den allermeisten Fällen ״der Jude/' Von welch geringer Einsicht indessen der Berichterstatter ist, zeigt die Naivität, in welcher er den Privatdarlcihern, die zu 6 bis l 0 Prozent Zinsen erhoben,״) dieNassauische raudesbank gegcnnberstellt, welche gegen Hypothek Geld zu 4 Prozent herlciht, so daß ״für jeden redlichen Haushalt" nunmehr keine Nothwcndigkeit vorlicgt, zu Geldivucherern seine Zuflucht nehmen zu müssen. Gewiß kann der Landmann, welcher seine Ländereien noch nicht belastet hat, ein Darlehen unter Verpfändung seines Grundstücks von der Bank zu 4 Prozent erhalten. Ruhen aber bereits Schulden zur Hälfte oder zwei Dritte! deS Taxwert Hs darauf, so erlangt er von der Bank gar kein Darlehen. Er gebraucht aber Geld; woher soll er cs nehmen? Ist der Privatmann, der ihm solches gewährt, ein Wucherer, weil er selbstverständlich einen höheren Zinsfuß berechnen muß, als die Bank gegen nubediugtcste Sicherheit zur Nornt gesetzt hat? Der Bauer kann ihm ja solche nicht bieten. Die Bank hat ihm ja gerade deshalb den verlangten Kredit rundweg abgeschlagen. Der Bank kostet auch das Geld selbst nicht so viel wie dem Geschäftsmann, welcher zu 4 Prozent selbst kein Geld erlangen kann. Diesen: kostet das Geld selbst, wenn die Bank 4 Prozent nimint, :nindestens 5 Prozent. Er muß also gegen geringe Sicherheit und thenres Geld einen weit höheren Satz berechnen. Das liegt so klar aus der Hand, daß cs nicht näher zu beweisen ist. Da wird er zum Wucherer, wenn er dieses riskante Geschäft macht?? Es ist erstaunlich, welch unerfahrene und ungeeignete Leute der Verein für Sozialpolitik zu seinen Gewährsmännern erkoren hat. Von der gleichen vorurthcilövollen Gesinnung ist der Bericht diltirt, welcher über den Wucher im Rcgiernngsbezirk Kassel von einem nicht genannten Vertrauensmann des Vereins sur Sozialpolitik erstattet wird. Dieser muß׳') cingestchen, daß ״sichere Nachrichten über den Umfang und die Arten der wucherischen Ausbeutung" nicht zu erlangen und amtliche Erhebungen nicht angcstcllt sind, daß ״der Befragte meist nicht den wahren Sachverhalt des bc-! treffenden GeschäjtS oder seine Lage offen mitthcilt",! daß auch ״vielfach die stärksten Uebertrcibungen vor- J kommen und daß mancher durch eigene Schuld Zurück-! gekommene geneigt ist, die Schuld Anderen beizumessen, 1 während er selbst durch Trägheit, Genußsucht, unordentlichen Wandel u. s.. w. den VerniögenSverfall herbeigeführt hat." Nach einen! solchen Bekenntnisse sollte man glauben, müsse ein gewissenhafter Mann darauf verzichten, ein bestimmtes Urthcil in einer so schwierigen Angelegenheit abzugcben. Wenn ich keine sichere Nachrichten cinzichen kann, so können mir doch unsichere nicht als verbürgte Thatsachcn gelten. Wenn mir Fernand über die von ihm gemachten Geschäfte keine Mittheilung machen will, so kann ich doch meine Vermuthungen nicht als Fakta ansgcbcn. Wenn es sich um Dinge handelt, an welchen zwei Personen mit verschiedenen Interessen bcthciligt sind, so muß ich doch deren beider Anssagen vernehmen. Gilt denn der alte gute deutsche Spruch nichts mehr, der zu Nürnberg im großen Nathhanssaale angebracht ist: ״Eines Manneö Red ist eine halbe Red, man׳ soll die Teyl verhören Bed?" Freilich handelt cS sich hier um die schon ohnehin vor der Untersuchung angenommene wucherische Ausbcutung deö LandmannS durch die Inden. Da kommt cs nicht so genau darauf an. Man fragt so lange herum, bis num die gewünschte Antwort hat, welche dann als die Quelle für die vorgefaßte Meinung ausgegeben wird. Der Bericht sagt deshalb auch'): ״Ohne Antisemit zu sein, kann man getrost behaupten, daß, abgesehen von einzelnen, der christlichen Konfession angehörenden Wucherern, die wucherische Ausbeutung vorwiegend durch Juden betrieben wird." Wenn cs sich hier wirklich um die Konslatirnng von nackten Thatsuchen handeln sollte, die eine gewissenhafte Untersuchung als solche sestgesicllt hätte, so begreift man nicht, was die Judenfrenndlichkeit oder Iudcnfeindlichkcit des knndiaen und gewissenhaften Forschers mit dem Resultate zu Lhnn haben könnte. Ob Jndcnfrcnnd oder Judenfeind — crgiebt sich nach eingehender, sachgemäßer, unbestechlicher Untersuchung, daß im Regierungsbezirk Kassel der Bauer von dem Wucherer ansgcbentet wird und ist in gleicher Weise konstatirt, daß diese Blutlanger Inden sind, so ist dieses eben das Fazit, daS man hinnchmcn muß, unbekümmert darum, ob man sich darüber freut oder cs beklagt. — Wie die Sache aber sich hier darstellt: ohne sichere Grundlage, aufs Geradcwohl zu ״behaupten", daß vorwiegend Inden die wucherische Ausbeutung betreiben, daS kann ״getrost" nur Derjenige, dcr ein ״Antisemit" ist, d. h. dem eine x) Seite 219. ') Seite 215. -) Seite 216. 3) Seite 219.