Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-09-22
- Page
- 599 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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599 so gegen das Licht gehalten, ich habe es deutlich gescheu, cS waren lange blonde Haare darin verknüpft." ..DaS ist allerdings auffallend, aber —" ״St, da kommt er. Siehst Du das rothe Band dort aus seiner Westentasche schimmern?" Wollner trat in der That soeben mit höflichem Gruß in das Zimmer, er hatte einen Auftrag von seinem Prinzipal an dessen Gattin. Nachdem Frau Friedheim seine Mittheilung entgcgengcnommen, ersuchte sie den jungen Mann, ihr möglichst genau sagen zu wollen, wie spät cS ist. Er griff nach seiner Uhr und zog mit derselben das Band noch mehr hervor. .,Was haben Sie denn da für ein Band?" fragte sie. Er zog eS vollends heraus, und jetzt sah auch sie die schönen blonden Haare daran. Mit einer gewissen Innigkeit blickte er darauf, als er erwiderte: ״Das ist ein liebes Andenken, — sie hat eS mir als Zeichen in ein Buch gelegt, das mir gestern zufällig in die Hand gekommen ist — ich will es wieder hineinlegen, sonst könnte ich eS verlieren." ״Das wäre Jammerschade," sagte Necha mit bebenden Lippen. ״Gewiß," entgegnete er unbefangen, ״cs würde mir sehr leid thun." Frau Friedheim fühlte sich angenehm berührt durch die Unbefangenheit des jungen Mannes. ״DaS Band scheint eine Geschichte zu haben," sagte sie lächelnd, ״wenn es Ihnen nicht unangenehm wäre, möchte ich Sie wohl ersuchen, sie uns mitzuthcilen." . Er war sofort bereit und erzählte in möglichster Kürze seine zweimalige Unterredung mit der lieblichen Spenderin des Bandes. Necha war zum Fenster hingetreten, er sollte den unaufhörlichen Farbcnwcchset aus ihrem Antlitz nicht gewahren, aber mit ungehaltenem Athcnl lauschte sie seinen Worten. Auch Frau Friedheim hörte ihm mit Interesse zu. ״Wie alt ist das junge Mädchen?" fragte sic, nachdem er geendet. ״Genau weiß ich eS nicht, sie dürfte acht oder nenn Jahre gewesen sein." Necha athmctc tief auf, wie eine Zentnerlast war cS ihr von! Herzen genommen. Nasch wandte sie sich wieder um und sagte mit ihrer gewöhnlichen Herzgewinnenden Freundlichkeit: ״Bitte, zeigen Sie mir auch das Band — ach, wie schöne Haare, wie lauteres Gold — das müssen Sie aber in der That fortlegen. Sie hätten es eben beinahe verloren, und daS wäre in Wirklichkeit sehr Schade." * Als Frau Friedhcim gegen ihren Gatten dieser kleinen Episode erwähnte, blickte er forschend in ihr sanftes, kluges Angesicht. ״Nun?" fragte er. ״Du meinst, waS ich darüber denke?— Ich wollte diese Frage eigentlich an Dich stellen. Doch wenn Du zuerst meine Ansicht wissen willst, so will ich Dir nicht verhehlen, daß ich, selbstverständlich in einigen Jahren, vollkommen einverstanden wäre. Wollner ist ein frommer, braver, tüchtiger und fleißiger junger Mann, wie wir, meiner Ansicht nach, unserer Necha keinen bessern wünschen könnten." ״Mir aus der Seele gesprochen," sagte ihr Gatte, sich vergnügt die Hände reibend, ״na, in drei, vier Jahren, wenn Gott will. — Nclti, lasse Dir nur nichts merken weder gegen unser Kind noch gegen Wollner." ״Freilich nicht, das ist doch selbstverständlich." ״Gewiß, gewiß. — Aber Du glaubst nicht, wie eS mich freut, daß unsere Necha auch in dieser Be- Ziehung mit uns übereinstimmt. Wollner ist so durch und durch brav, überaus gcscheidt und doch so rein, so unschuldig — nur Eines gefällt mir nicht an ihm, er ist zwar kein vollständiger Ignorant, die Bibel und die Propheten weiß er zu übersetzen. — Aber unser künftiger Schwiegersohn mußte doch, wenn auch kein Gelehrter sein, so doch wenigstens etwas ״lernen" können." ״Der Ansicht bin ich auch. Aber er ist noch jung und was nicht ist, kann werden." Friedhcim, der rasches Handeln liebte, begab sich nach dieser Unterredung sofort hinunter in das Magazin, wo er den betreffenden jungen Mann beschäftigt wußte; zu seiner Freude traf er ihn allein. ״Wissen Sie," begann er, ״daß es gerade heute ein Jahr ist, daß wir einander im Eiscnbahnkoupee begegnet sind?" ״Ich habe bereits heute Morgen daran gedacht," erwiderte Wollner, ״wie hätte ich auch daran vergessen können!" fuhr er mit Wärme fort. — ״Diese Begegnung bildet den Wcndepunk in meinem Leben. — O, Herr Friedhcim, wenn ich nur wüßte, wie ich Ihnen je vergelten könnte, was Sie an mir gcthan." ״Was ich an Ihnen gcthan? — Sie narrischer junger Mann, was hätte ich denn an Ihnen gethan? — Ich habe einen Kommis gebraucht und glaubte, in Ihnen einen zuverlässigen zu finden, habe mich darin and) nicht getäuscht, — und darum habe ich Sie engagirt." ״Sie weisen meinen Dank zurück —״ ״Ich weise ihn nicht zurück, aber ich kann ihn auch so ohne Weiteres nicht annchmcn. Denn wenn von Dank die Rede sein soll, so schulde ich Ihnen genau so vielen Dank, wie Sie mir. Denn Sie haben Ihren Pflichten mir gegenüber in jeder Beziehung voll-