Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-09-22
- Page
- 598 (sequence 1)
- Language
- German
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Von Friedrich 5! 1 t t.!)♦IS׳*« (CL <1 <t «t ult trtt*4 JUIUU IIIIJP PU ^IJJUilUiUl (־.'ladpnut vcvI’cut..) < Fortsetzung.) ״Ich will lesen," fuhr da? Bürschchen sott, ״und drüben ist Nicmaiid, bei dein ich lesen kann, darum habe ich meine Fibel mit herüber gebracht, Ich null bei Dir lesen." Er hatte bei diesen Worten das Buch auf einen Sessel gelegt, Bertha schlug cs ans und mit einem Stift zeigte sie ihm die Worte, die er lesen sollte. ״Jetzt hast Du schon zwei ganze Seiten gelesen," sagte sie, ״jetzt isl's genug." ״Nein," cntgcgucte er, ״ich will noch lesen, — ich kann heute gut, nicht wahr?" ״Ja, heilte geht'S gut. Na, meinethalben lies weiter." Und der Kleine las: ״Gebet eines Kindes." ״Ach, lieber Gott, ich bitte Dich, ein frommes Kind lass' werden mich, llnd sollt' ich dieses nicht werden, so nimm mich lieber von Erden. Und nimm niich in Dein Himmelreich, und —" Ein cigenthi'nnlich gurgelnder Ton unterbrach ihn, die Kinder blickten erschreckt aus, Frau Hcrzseld war in ein wildes, kouvutstoisches Schluchzen ansgcbrochcn. Die .Kinder eilten zu ihr mrd umschlangen sie. Da neigte sie sich zu ihnen und drückte sie au sich, fest an sich — 1111b noch immer weinend, flüsterte sie Liebkosungen ihnen zu. Sic war genesen. Siebtes Kapitel. Mehr als anderthalb Jahre waren bereits verstrichen, seit Adolf Wollner in das Geschäft des Herrn Nathan Friedheim ciugetrctcn war. Und nicht mir in das Geschäft desselben war er eingetreten, sondern auch in dessen HauS und ward, ebenso wie die andern jungen Leute, vollständig wie ein Famitiellmitglied bchandelt. Seit dem Tode sein er Eltern hatte er sich nicht so glücklich gefühlt wie in diesem Hause, wo die innigste Frömmigkeit, die reinste Menschenliebe waltete. Frau Fricdhcim war, ihr Gatte hatte das gegen Adolf gleich bei ihrer erster Begegnung erwähnt, das Prototyp einer frommen, braven Frau, wie sic im Liede geschildert wird. Sic leitete ihr Hauswesen mit einer gradezu musterhasten Umsicht und Einsicht, alle ihre Hauslcntc hingen an ihr, als wäre sie Aller Mutter, und ebenso ward sie von sämmtlichcn Dürf- Ligen der Stadt und Umgegend verehrt. Ihr Gatte rühmte sich, daß er von den armen Leuten nur als Mann der Frau Fricdhcim bezeichnet werde. Ihre einzige Tochter Necha glich jedoch im Aenßcrn und im Temperament mehr dem heißblütigen Vater als der sanften Mutter, in ihrem Charakter jedoch vereinigte sie die Tugenden beider. Necha Fricdhcim war ein blühend schönes Mädchen mit dunkelglühcnden Augen und nachtschwarzcn, glänzcnden Haaren. Unbefangen verkehrte sie mit den jungen Leuten im Geschäfte ihres Vaters, die mit einander wetteiferten in Aufmerksamkeit gegen die Tochter . dcS Hauses. Von Keinem nahm sie diese jedoch so gern entgegen wie von Adolf Wollner, der kaum um zwei Jahr alter war a!S sie. Eines Abend jedoch, als sie in Gegenwart der jungen Leute die Absicht au.Sjprach, eine kranke Freundin in der Nachbarschaft zu besuchen, bcnrcrklc die Mutter, Wollner werde gewiß die Gefälligkeit baden, sic dorthin zu begleiten. Necha crröthcte, und sich hastig abwendend, rntgegnete sie: ״Herr Neumann wird die Güte haben." Neumann erhob sich sofort und stellte sich zu ihrer Beringung und ward auch von ihr aufgcfordcrt, sic zu in Nachhauscgchcn abzuholcn. Frau Friedheim war frappirt über daS seltsame Benehmen ihrer Tochter, daö sic an derselben nicht gewöhnt war, und am solgcuden Tage stellte sic sic deswegen zur Rede. ״Sage mir doch, Kind, was hast Du gegen den Wollner?" ״WaS sollte ich gegen ihn haben?" erwiderte Necha, sich hastig abwendcud, um die aussteigende Gluth ihres Angesichts zu verbergen. ״Wenn Du nichts gegen ihn hast, wcöhalb wolltest Du Dich gestern nicht, von ihm begleiten lassen?" ״Weil —" sie stockte, ״ich dachte, er würde cs vielleicht nicht gern thun." ״Warum sollte er denn das nicht gern thnn? — eine solch unbedeutende Gefälligkeit." Necha fuhr sich mit der Hand über die Stirn. ״Ich will ganz offen gegen Dich sein, Mama, ich nehme nicht gern Gefälligkeiten von Leuten, die —״ sie stockte abermals. Die Mutter blickte sic kopfschüttelnd an. ״Sage mir, was Dn hast — sollte Wollner Dich beleidigt haben?" ״Mich beleidigt haben?" DaS junge Mädchen richtete sich stolz ans, ״ich bitte Dich, Mama, wie könnte Wollner mich beleidigen?" ״Das weiß ich nicht, aber Dn bist gegen ihn irritirt, daS ist offenbar." ״Das will ich auch gar nicht in Abrede stellen, denn — Nun ja, cs gefällt mir nicht von ihn!, daß er Haarbänder von Mädchen in der Westentasche herumträgt — und gestern, als ich hereingekommcn bin, da hat er dort am Fenster gestanden und hat daS Bant