Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-09-22
- Page
- 600 (sequence 3)
- Language
- German
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600 kommen entsprochen, wie hatte ich da nieinen Pflichten Ihnen gegenüber nicht Nachkommen sollen? — Und mchr als meine Pflicht habe ich nicht gethan." ״O, wie nie! mehr. — Sie haben den Waisen׳- fitrtbcn in den Kreis Ihrer Familie ausgenommen — haben mich das reine, acht jüdische Leben erst kennen gelehrt." ״A propos," unterbrach ihn Friedheim, ״ich habe Ihnen zwar soeben daö Zeugniß gegeben, daß Sic Ihren Pflichten mir gegenüber vollkommen entsprochen haben — davon will ich anch nichts zurücknchmen. Trotzdem kann ich nicht sagen, daß ich in jeder Dezichung mit Ihnen zufrieden bin." Der junge Mann wechselte die Farbe. ״Das thut mir sehr leid. — Aber wenn Sie die Güte haben wollten, mir zn sagen —״ ״Gewiß will ich das. Sehen Sie, mein lieber, junger Freund, Sie sind fromm mrd brav, dagegen läjjt sich gar nichts sagen. Aber Sie haben mir erzahlt, daß Ihr seliger Batcr kurz vor seinem Ableben angefangen hatte, Sic in der Mischnah zu unterrichten — ich habe aber noch nie gesehen, daß Sie sich damit oder mit Achnlichem beschäftigen. Und doch wissen Sie, daß jeder Jude verpflichtet ifl, sich tagtäglich mit unserer heiligen Vcljrc zu beschäftigen. Sprechen Sie cS doch auch täglich aus: ״Wir wollen uns srcnen der Weisungen Deiner Lehre und Deiner Gobote immer־ während; denn sie sind cS, die unser Lebensziel und unserer Tage Dauer befördern, nur mit ihnen wollen wir Tag und Nacht uns besassen." Adolf war glühend roth geworden. ״Ich hätte es sollen — das sehe ich ein. — Aber mir fehlt jede Gelegenheit —u ״Freilich, freilich, in Ihrer Heimath scheint cS mit dem ״Lernen" leider nicht weit her zn sein, aber hier gicbt es, Gott sei Dank! noch Leute, die sich damit befassen. Ich selbst lerne jeden Abend, und wenn Sic wollen, will ich forschen, was Ihr seliger Batcr begonnen, will allabendlich eine Stunde mit Ihnen lernen. Wollen Sie?" ״Ob ich will?" Er zog FricdheimS Hand an seine Lippen und eine Thräne fiel daraus. ״Nie, nie werde ich Ihnen genügend danke« können." Seit jenem Tage betrachtete Fricdhcim und seine Frau den jungen Wollner als ihren zukünftigen Schwiegersohn. ES lag in ihrem Verhalten ihm gegenüber eine solche Innigkeit, die den früh Verwaisten hoch bcglückten. Doch von ihren ZnknnjSplüncn hatte er keilte Ahnung. NechaS durch die Liebe geschärftes Auge hatte cs jedoch sehr bald crrathcn, obgleich die Eltern nie zu ihr darüber gesprochen; in hofsnungSfrcndigcr Glückscligkeit sah sie der Zukunft entgegen. Achtes Kapitel. Der Winter neigte sich zn Ende. ES war an einem Freitag Abende, FricdheimS Fanlilimzimmer war hell erleuchtet und sabbathlich geschnlückt. Der Hausherr war hcimgekommcn aus der Synagoge, mit ihm die drei jungen Leute, die bereits seit mehreren Jahren in seinem Hause thätig waren, während ein vierter junger Mann, den er erst vor einigen Wochen in sein Geschäft genommen hatte, nicht mitgekommen war. Friedheim hatte seine Frau herzlich begrüßt, hatte dann segnend seine Hände auf das Haupt seiner Tochter gelegt und schritt nun, die gewohnten Sabbathlieder singend, im Zimmer auf und nieder. Seine Frau saß an dem bereits gedeckten Tische, vor ihr stand der junge Mann, den sie in Gedanken als ihren dcreinstigen Schwiegersohn betrachtete und erstattete ihr Bericht über eine arme Familie, die er in ihrem Aufträge besucht und unterstützt hatte. Um den Hausherrn in seinem Gesänge nicht zu stören, sprach er in gedämpften Tone, da aber von der andern Seite des Zimmers her auch Stimmen und halblautes Lachen hörbar war, konnte Frau Friedheim ihn nicht verstehen. Lächelnd schüttelte sie den Kopf. ״Ich weiß in der Thal nicht, was Sie da gesagt haben. Bitte, setzen Sic sich hier her und wiederholen Sie mir gcfälligst Ihre Mittheilung." Sie deutete bei diesen Worten auf einen Sessel in ihrer Nähe, Wollner entsprach ihrer Aufforderung. Während dessen unterhielt sich Necha mit einem andern jungen Mädchen und mit WollncrS beiden Kollegen. ES schien eine reckst auimirte Unterhaltung zwischen den jungen Leuten, denn Erna Müller war ein überaus lebhaftes junges Mädchen, das sich trotz ihrer Gut- Herzigkeit gern über die Schwächen Anderer und zwar gerade Derjenigen, mit denen sie sich unterhielt, moquirte; aber sic that dieses in einer so harmlosen, liebenswürdigen Weise, daß man ihr darob nicht gram sein konnte. Und dann that sie es auch nur jungen Leuten gegenüber, namentlich wenn sie glaubte, daß dieselben ihr etwas mehr als gebührende Aufmerksamkeit zollten. Der einzigen Tochter des reichsten Mannes der Gegend mochte das nicht allzu selten Vorkommen. Und Erna Müller galt nicht nur für daö reichste Mädchen der Gemeinde, sic galt auch für die Schönste. Und ihre Schönheit hatte einen für jene Gegend fremdartigen Anstrich. (Fortsetzung folgt.) ...